Kölner Konzert

Pogues zelebrierten düstere Seiten des Daseins

Das Leben der Gescheiterten kennt er aus erster Hand: Shane MacGowan hatte dennoch seinen Spaß in Köln.

08.08.2012 Köln. Die besten Straßenmusiker aller Zeiten, die Pogues, zelebrierten mit ihrem Konzert im Kölner Tanzbrunnen die düsteren Seiten des Daseins.

Bei uns am Eingang zur U-Bahn lungert immer dieses Grüppchen junger Punks mit seinen Hunden herum, und manchmal singen sie "Dirty Old Town" zur abgewetzten, scheppernden Gitarre. Ziemlich falsch natürlich, aber das Lied in seiner rußigen und rotzigen, wütenden und wehmütigen Glorie überlebt das problemlos, es betont seinen Charme eher noch. Eigentlich ist es viel zu schade für überdimensionierte "Events", so wie die Pogues ja im Grunde die besten Straßenmusiker aller Zeiten sind und von Rechts wegen nur in hoffnungslos verräucherten Pubs auftreten sollten.

So denkt man noch, als Gitarrist Phil Chevron an diesem frühen Sommerabend die ersten Akkorde von "Dirty Old Town" anschlägt. Doch dann fängt die Menge am Tanzbrunnen glückstrunken und wie auf Kommando schon mal ohne den Sänger an: "I kissed my love by the gas works wall, dreamed a dream by the old canal ..." - die erste Strophe ist komplett durch, bevor Shane MacGowan seinen Einsatz hat. Es sind eben diese Momente, und es gibt eine Menge davon, wenn die Pogues auftreten. Weil kaum eine andere Band so viele große Songs hat - oder Anhänger, die ihr so innig verbunden sind.

Und das Tollste an diesem Abend: Shane MacGowan käme auch prima ohne gesangliche Unterstützung klar. Anders als vor einem Jahr in Bonn, als er völlig neben sich zu stehen schien wie ein Brian Wilson der Punk-Generation, wirkt er rechtzeitig zum 30-jährigen Bestehen der Band richtig fit für seine Verhältnisse. Er röhrt, raunzt und rotzt mit fast soviel Verve ins Mikro wie in den Anfangstagen, baut noch ein paar derbe Flüche extra ein. Zwischen den Stücken lallt und albert er gut gelaunt herum, hat sichtlich seinen Spaß.

MacGowans Befinden ist stets ein Thema. Leider ist nicht zu übersehen, dass er, torkelnd, teigig und aufgedunsen, zumindest einige Ausschnitte aus der Welt der Gescheiterten, der Penner, Huren, Säufer, Junkies und unglücklich Verliebten aus erster Hand kennt, von der seine Lieder handeln. Wie sich auch in den Folk-Songs ihrer irischen Vorfahren, die den Pogues als Inspiration dienten, alles um die unheilige Dreieinigkeit von Liebe, Rausch und Tod dreht.

Mit ihrer aktualisierten, räudigen, punkig-getriebenen Version löste die Band in den gefönten und adretten 80er Jahren denn auch - wie es mal jemand formulierte - einen "septischen Schock" aus. Aber "Sally MacLennane", "Boys from the County Hell", "Sick Bed of Cuchulainn" oder "Rainy Night in Soho" klingen beinahe 30 Jahre später so zeitlos wie die Traditionals "Irish Rover" oder "Star of the County Down". Leichte Durchhänger in der Mitte des Konzerts gibt's aber auch, und überhaupt könnte man mäkeln, dass Pogues-Auftritte seit der Rückkehr 2001 im Grunde "Greatest-Hits"-Veranstaltungen sind. Aber Stücke, die da mithalten könnten, müssen erst noch geschrieben werden. (Hans-Willi Hermans)