Bonner Oper

Philip Glass' Gandhi-Oper "Satyagraha" wieder auf dem Spielplan

Poetische Bilder: Mark Rosenthal in "Satyagraha".

BONN. Wer behauptet, er habe Philip Glass' "Satyagraha" verstanden, hat in Wirklichkeit gar nichts verstanden. Die von Silviu Purcarete inszenierte Gandhi-Oper, die bei ihrer Wiederaufnahme in Bonn wieder ebenso begeistert gefeiert wurde wie bei der Premiere 2004, lässt sich mit den üblichen rationalen Kategorien nicht annähernd fassen.

Schon das Programmheft ist dermaßen vollgestopft mit Versatzstücken aus Mahatma Gandhis Biografie und Philosophie, mit Exkursen zu den Lehren der Bhagavadgita-Dichtung und Glass' zahlensymbolischer Kompositionstechnik, dass man es lieber zuklappt - und "Satyagraha" einfach wirken lässt. Das tut die Oper nämlich zweifellos: Unter der Leitung von Ulrich Windfuhr spielt das Beethoven Orchester Bonn die unablässig wiederkehrenden Melodiemuster der Minimal Music mit strenger Regelmäßigkeit und großer Ausdauer.

Durch die durchkonstruierte Struktur seiner Opernpartitur erweist Glass der indischen Mythologie seine Reverenz und erreicht einen Eindruck der Zeitlosigkeit, in der die herkömmlichen Formen der Agogik und Phrasierung keinen Platz haben. Doch Dynamik und Ausdruck variieren in den drei Akten durchaus - dafür sorgen schon die hervorragend präparierten Sänger, die, angeführt von Gandhi Mark Rosenthal, ihre schwierigen Parts mit Bravour meistern.

Mag sein, dass die vertonten Sanskrit-Verse im Fluss der Wiederholungen gelegentlich einlullenden Charakter haben, doch sie werden durchgängig schön gesungen. Vor allem auch vom groß besetzten Opernchor, der mit seiner starken Präsenz und homogenen Stimmgewalt immer wieder dramatische Akzente setzt.

Und doch könnte die vom Komponisten bewusst erzeugte meditative Andacht womöglich in Schlaf übergehen, wenn nicht Purcaretes großartiges Bildertheater dem Auge viele unwiderstehliche Anreize gäbe, offen zu bleiben. Riesige Gliederpuppen, Tierfiguren, historische Kostüme, effektvolle Video-Projektionen und das einfallsreiche Spiel mit Licht und Bühnentiefe verbinden sich zu einem Traumraum, den die Darsteller mit anmutigen, gemessenen Bewegungen durchwandeln.

Mark Rosenthal in der Hauptrolle von "Satyagraha" ist der einzige, der aus dem zeitlupenartigen Gebaren des Ensembles ausbrechen und auch mal kindliche Freude, Eifer oder Schmerz zeigen darf. Doch auch er geht am Ende wieder im großen Ganzen auf, wenn er in einer aufsteigenden phrygischen Skala die göttliche Ordnung besingt: wieder und immer wieder, als würde er ein Mandala aus Tönen malen, das noch einmal darauf hinweist: "Satyagraha" ist weniger Oper als liturgische Handlung.

Die nächsten Aufführungen: 16., 22. und 28. Juni