Die Angst vor dem Scheitern

Peter-Mertes-Stipendiaten im Bonner Kunstverein

Tobias Hohn (rechts) und Stanton Taylor im Bonner Kunstverein.

Tobias Hohn (rechts) und Stanton Taylor im Bonner Kunstverein.

Bonn. Das Künstlerduo Tobias Hohn und Stanton Taylor hat Fotos gesammelt, die besondere Momente der Konzentration und Erwartung festhalten. Ihre Fotoserien präsentieren sie nun im Bonner Kunstverein.

Der Tennisspieler wirft den Ball hoch, zieht den Schläger auf, wirkt in diesem Moment der Anspannung irgendwie entrückt. Es ist ein wiederkehrendes Ritual, ein Augenblick höchster Dynamik. Das Künstlerduo Tobias Hohn und Stanton Taylor hat Fotos gesammelt, die diesen Moment der Konzentration und Erwartung festhalten.

Der Ball ist jeweils nicht zu sehen, nur dieser entrückte Blick. An das Ende ihrer Bilderserie stellen sie ein Foto, das in der Tenniswelt nichts zu suchen hat, wohl aber die Ikone der ekstatischen Verzückung ist: Die heilige Teresa von Avila, die Gian Lorenzo Bernini für die Cornaro-Kapelle in Rom schuf. Mit feiner Ironie schließt die von der göttlichen Liebe entflammte Teresa den Reigen der Tennishelden ab. Und man erinnert sich daran, dass mitunter vom „heiligen Rasen“ in Wimbledon die Rede ist.

Hohn und Taylor haben weitere Fotoserien in eigenwillige Ordnungssysteme gebracht und in den Bonner Kunstverein gehängt. Die Sehnsucht, der Bilderflut Herr zu werden, sie zu kanalisieren und klassifizieren, der Wahrnehmung zu helfen, diesen Strom an Eindrücken zu begreifen, teilen wohl die Bilderwissenschaftler mit den Künstlern. Der Kunstwissenschaftler Aby Warburg baute einst seinen „Mnemosyne-Atlas“ auf, um den Einfluss der Antike bis zur Gegenwart in Bildern nachzuweisen, der Amerikaner Edward Tufte versuchte Ordnung in Chartanalysen und Diagramme zu bringen, der Künstler Gerhard Richter schließlich bündelte in seinem riesigen „Atlas“ gefundenes Bildmaterial als Steinbruch und Ideenrepertoire für sein malerisches Werk.

Kriegsheldinnen und Pressefotos von Plünderungen aus England

Hohn und Taylor schufen für den Kunstverein ein halbes Dutzend Bildersysteme, die auf der Idee eines Atlanten aufbauen: Kinder und Tiere sind zu sehen, Kriegsheldinnen und Pressefotos von Plünderungen aus England und Deutschland, die mit Modefotos der herrschenden Jugendkultur konterkariert werden. Eine ganze Bilderwand besteht aus Quittungen: Die Ausgaben, die das Duo für das Bonner Projekt hatten, und wofür sie die Mittel des Peter-Mertes-Stipendiums 2017 ausgegeben haben. Hohn, Jahrgang 1991, und Taylor, 1990 geboren, studierten beide an der Kunstakademie Düsseldorf und arbeiten seit 2014 zusammen. 2017 bekamen die das Peter-Mertes-Stipendium für Nachwuchskünstler.

Ebenso wie Sarah Kürten, 1983 in Köln geboren, auch sie eine Absolventin der Düsseldorfer Akademie. Eine Künstlerin, die gerade einen guten Lauf hat: Ausstellungen in der Kestnergesellschaft Hannover und im Düsseldorfer Kunstverein unterstreichen das. Ihre Bonner Arbeit berührt wie der Beitrag von Hohn und Taylor ein urkünstlerisches Thema. Bei Kürten ist es die Angst vor dem Scheitern, das Zweifeln am künstlerischen Tun.

Sprache generiert Inhalte

Sie ist Malerin und Bildhauerin, verarbeitete ihre Zweifel jedoch literarisch: „Mit dem System Sprache generiert man automatisch Inhalte“, sagt sie und propagiert einen Prozess des „automatischen Schreibens“. Englische Texte, Satzfetzen, Wiederholungen, gedichtartige Strophenstruktur, so kommen ihre Protokolle des Scheiterns daher. Kürten bringt das typografisch akkurat angeordnete Schriftwerk mit assoziativen Bildern zusammen – eine Zunge, die einen Tropfen auffängt, ein Papagei, Collagen von Rasterbildern. Die Systeme Bild und Sprache stehen einander ambivalent gegenüber.

Auch in der Audioversion herrscht Missverständliches: Zwei Boxen – „modernistische Möbel im postmodernen Diskurs“ (Kürten) – sind einander zugewandt, aber nur physisch, denn jede wiederholt nur die Frage der anderen. Absurde Kommunikation.

Bonner Kunstverein; bis 2. September. Di-So 11-17 Uhr. Katalog zwölf Euro. Lesung aus „The Devil finds work in idle hands“ von Sarah Kürten, 7. Juli, 12 Uhr.