Bilanz der Spielzeit 2013/14

Permanente Revolution macht müde

Drei Stunden können lang sein: Szene aus "Metropolis" in der Halle Beuel.

Bonn. Am Bonner Theater kursierte in der abgelaufenen Spielzeit ein hübscher Witz. Sinngemäß ging er so: Was machen die Kollegen vom Schauspiel, wenn die Oper mit dem "Tristan" fertig ist? Sie gehen in die Pause. Eine treffende Beobachtung.

Mancherlei, was die Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp, ihre Regisseure und Schauspieler dem Publikum in ihrer ersten Bonner Spielzeit angeboten haben, endete erst zu später Stunde.

Die erste Inszenierung Anfang Oktober 2013, "Karl und Rosa" in den Kammerspielen Bad Godesberg, war eine lange Theaterreise in die Nacht: vier Stunden Revolution nach dem Roman von Alfred Döblin. Regisseurin Alice Buddeberg ist eine Frau für den Theater-Langlauf. Am 3. Oktober bringt sie in der Halle Beuel "Königsdramen I+II" nach Shakespeare auf die Bühne. Unter fünf, sechs Stunden wird das Publikum wohl nicht davonkommen.

Sitzfleisch forderten in der Spielzeit 2013/14 auch die Produktionen "Metropolis" und "Welt am Draht". Beides war künstlerisch nicht ergiebig, bedeutete allenfalls eine physische Herausforderung fürs Publikum. Ging es einmal schnell, wie bei den "Ansichten eines Clowns" nach Heinrich Böll, dann hatten die Zuschauer dennoch das Gefühl, ein paar Stunden in den Kammerspielen Bad Godesberg verbracht zu haben.

Manches versendete sich in der vergangenen Spielzeit. Wie viel (oder wenig) Zuspruch die einzelnen Produktionen hatten, lässt sich derzeit nicht mit Zahlen belegen. Auch nach mehreren Anfragen sah sich das Theater nicht in der Lage, Zuschauerstatistiken vorzulegen.

Die Bühne müsse "Stadtgespräch" werden, alle Menschen einladen und sich "nicht elitär gebärden", hatte Nicola Bramkamp ihr Programm charakterisiert. Das klang sympathisch, ebenso wie die Aussicht auf gesellschaftlich relevantes, aber immer auch sinnliches Theater. Bramkamp spricht gern von Sinnlichkeit, was ihr nicht gefällt, sagt sie, seien spröde, bevormundende Regiearbeiten. Schauspielhäuser versteht sie als "Entschleunigungsoasen", als Kontrast zum zunehmend fremdbestimmten, kommunikationstechnologisch hochgerüsteten Alltag.

Das neue Ensemble zeigte schnell seine Qualitäten, ans Limit gingen sie dabei aber nicht. Das Bonner Schauspiel versteht sich nämlich in erster Linie als Projektentwickler. Immerhin, Goethes "Faust I", ein Monument des Theaterkanons, kommt im April 2015 über uns. Und vielleicht haben die Schauspieler auch in Anton Tschechows "Möwe" (Premiere am 12. September 2014) oder in Arthur Schnitzlers "Anatol" (14. September) Gelegenheit, ihr Potenzial zu entfalten. Danach konzentriert sich das Theater wieder auf die Projektarbeit: mit "Die letzten Fragen der Menschheit" (noch zu benennender Termin im November) und einer weiteren Roman-Adaption: "Gefährliche Liebschaften" nach Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos (29. November).

Die überregionale Kritik hielt sich mit Lob weitgehend zurück. Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung konstatierte einen wackligen und weitgehend enttäuschenden Neuanfang in Bonn.

Immerhin, "Leonce und Lena" bedeutete für die Zeitschrift Theater heute "Spielwitz, Draufgängertum und Aktualisierungslust". Kritiker Gerhard Preußer war begeistert von Sören Wunderlichs Leistung in dem Büchner-Drama. Zu Recht. Wunderlich gehört zu den meistbeschäftigten Schauspielern des Ensembles - und jetzt schon zu den profiliertesten.

In Ibsens "Wildente" zum Beispiel spielte er die Zerrissenheit des Hjalmar nuanciert und bewegend aus. In "Die Opferung von Gorge Mastromas" stahl er als Lebensverlierer Sol mit einer gekonnten Verzweiflungs- und Aggressions-Miniatur den Kollegen die Schau. Auf Wunderlich und Co. kann Nicola Bramkamps Theater bauen. Das Ensemble ist in der Lage, das Publikum zu überraschen, zu überwältigen und zu verführen.

Nur wie, das ist die entscheidende Frage. Nicht mit manierierten Lebenszeitvernichtungs-Produktionen wie "Welt am Draht". Sondern mit Inszenierungen, die wie die Bonner "Schatten::Frau" - der Hit der Saison - Themen verhandelt, wie es nur das Theater vermag. Darstellungskunst und Sprechkultur, große Emotionen und eindringliche Geschichten sind der Stoff, aus dem erinnerungswürdige Theaterabende entstehen.

Eigentlich doch ganz einfach, erfolgreich zu sein.

Mein Liebling

Für die Bonner "Schatten::Frau", ein Projekt von Bernhard Mikeska (Regie) und Lothar Kittstein (Text), habe ich so laut getrommelt, dass es fast schon peinlich ist. Aber so nah kommt das Theater dem Publikum selten. Drei Schauspielerinnen, Julia Keiling, Mareike Hein und Birte Schrein, erzählen kunstvoll und anrührend zugleich von Hannelore Kohl - für jeweils einen Zuschauer.