Festival

Paul Leonard Schäffers "Erlkönig" beim Schumannfest

BONN. Wer den "Erlkönig" vertonen möchte, muss Mut besitzen, denn gleich mit zwei Boliden hat er sich auseinanderzusetzen: mit Goethe als Text-Quelle und mit Schubert als deren genialisch produktivem Rezipienten.

Der 1987 in Hannover geborene Komponist, Dirigent und Pianist Paul Leonard Schäffer ist dieses Wagnis eingegangen und konnte seinen "Erlkönig" jetzt im Rahmen des 17. Bonner Schumannfestes im Endenicher Ballsaal erfolgreich aus der Taufe heben.

Dabei ist Schäffers, der Psychoanalytikerin Luise Reddemann geschuldete Ansatz, nach dem das Kind zum "Opfer einer vom Vater ausgehenden sexualisierten Gewalt" wird, keineswegs unumstritten. Indes: Setzt man dieses Axiom, so wirkt die dramaturgische Disposition absolut schlüssig und deren musikalische Ausformung ergreifend stimmig.

Von den vier anfänglichen Rollen (Erzähler, Vater, Sohn, Erlkönig) gleichen Vater und Erlkönig sich stimmfarblich zunehmend an, bis sie vollständig zur Deckung kommen. Das Klavier spiegelt, über weite Strecken in unerbittlichem Staccato repetierend, die nicht enden wollende Seelen-Qual des Kindes wider.

Mit dem jungen Bariton David Pichlmaier und der Pianistin Pauliina Tukiainen standen kongeniale Interpreten zur Verfügung, die diesem psychoanalytischen Drama erdrückende Dichte verliehen. Neben der Schubert-Vertonung, die zuvor zu Gehör kam und als (gedrucktes) Opus 1 dem Motto des diesjährigen Schumannfestes Rechnung trug, kann Schäffers Arbeit durchaus bestehen.

Eine Auswahl von Schuberts Goethe-Vertonungen hatte den Abend eröffnet und Pichlmaier Gelegenheit gegeben, seine Stimme aufzuwärmen, Strahlkraft auch im Piano-Bereich zu entfalten. Volle lyrische Wärme dann bei Schumanns Zyklus op. 35 nach Kerner-Gedichten.