Konzert beim Bonner Beethovenfest

Patricia Kopatchinskaja zelebriert Trauermusik im WCCB

Voller Einsatz: Patricia Kopatchinskaja spielt Geige und leitet die Camerata Bern.

Voller Einsatz: Patricia Kopatchinskaja spielt Geige und leitet die Camerata Bern.

Bonn. Die Camerata Bern und ihre neue Leiterin spielen Musik, die an das Leid in der Welt erinnert. Das Ergebnis fällt zwiespältig aus.

Die Saiten der Instrumente klingen bereits gleichmäßig, als sich der Saal Nairobi im WCCB langsam mit Menschen füllt. Die Musiker der Camerata Bern verweilen an den Türen, schreiten durch die Gänge der Stuhlreihen, selbst die mächtigen Kontrabässe werden von ihren Spielerinnen herumgetragen, während der Raum von einem einzigen, nicht enden wollenden Ton erfüllt wird.

Dieser Ton E kann für Ewigkeit stehen, was der Programmtitel „Zeit und Ewigkeit“ nahelegen würde. Oder für Engel. Wie ein solcher betritt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja die Szene, barfuß und ganz in Weiß gekleidet, auch sie trägt mit ihrer Geige den Ton E vor sich her. Wie ein Priester eine Monstranz. Das E ist auch der erste Ton des ersten Stücks an diesem ungewöhnlichen, in seinem Pathos aber auch irritierenden Abend, der mit einem ruhigen Streichquartettsatz beginnt, den der Jazzsaxofonist John Zorn über das jüdische „Kol Nidre“ geschrieben hat. Zuvor hören wir aber die Stimme eines jüdischen Kantors, der das traditionelle Synagogengebet vorträgt, das gewöhnlich am Vorabend des Versöhnungstages Jom Kippur gesprochen wird.

Kopatchinskaja, die gerade ihre Arbeit als künstlerische Leiterin der Camerata Bern aufgenommen hat, ist eine Musikerin, die den üblichen Konzertritualen den Kampf angesagt hat. Der Konzertbetrieb ist für sie ein „Mausoleum“, die neue Musik sträflich unterrepräsentiert, die Klassiker zu Mumien erstarrt. „Wenn man alte Stücke spielt, muss man sie in einen Kontext stellen, damit sie eine Relevanz bekommen, die uns heute anspricht“, befand sie in einem Interview.

Fast achtzig Jahre alt ist Karl Amadeus Hartmanns Concerto funèbre für Sologeige und Streicher, mit dem der Komponist, der sich während des Nazi-Regimes in die innere Emigration zurückgezogen hatte, seine Trauer über den gerade ausgebrochenen Zweiten Weltkrieg zum Ausdruck bringt.

Die Geigerin inszeniert die Musik

Ob es für uns heute durch den mystischen Kontext, den Kopatchinskaja ihm aufdrückt, verständlicher und fasslicher wird, darf allerdings stark bezweifelt werden. Damit interpretiert sie die Musik nicht, sondern sie inszeniert sie. Musikalisch neigt Kopatchinskaja dazu, dem Werk ein Dauerespressivo zu verleihen, selbst dort, wo sie von schönster Schlichtheit sein müsste wie am Anfang. Auch die klanglichen Exzesse des dritten Satzes dürften – auch im Orchester – klarer in der Phrasierung sein.

Die Geigerin spielt mit großem Körpereinsatz. Wenn ihr Instrument schweigt, führt sie das Orchester mit lebhaften Gesten. Nach dem Schlusschoral „Unsterbliche Opfer“, mit dem Hartmann in seinem Konzert an die Toten des Blutsonntags der gescheiterten russischen Revolution von 1905 erinnert, spricht jemand ein Gebet in polnischer Sprache. Dann verlassen Kopatchinskaja und ihre Musiker wie in einer Prozession den Saal und summen und spielen dazu leise noch einmal die Choralmelodie.

Im zweiten Teil ist die Stimmung ähnlich, nur die Musik eine andere. Es erklingt ein spätmittelalterliches Kyrie von Guillaume de Machaut, danach das von Geigerin und Orchester intensiv musizierte Violinkonzert „Polyptyque“ des Schweizer Komponisten Frank Martin, das im Untertitel „Sechs Bilder über die Passion Christi“ heißt. Die mittelalterlichen Altarbilder werden zur Musik auf die Saalwand projiziert. Und weil Martin die Kreuzigung ausließ, spielt Kopatchinskaja zu diesem Bild Lubos Fisers „Crux“ für Violine, Schlagzeug und Glocken.

Zum Schluss lädt sie das Publikum ein, den Bach-Choral „O große Lieb“ aus der Johannespassion mitzusingen. Die Noten dafür lagen auf jedem Platz bereit. Viele sangen mit. Und am Schluss war der Applaus überwältigend.