Quatsch keine Oper

Oskar Matzerath, das ewige Kind

Die Blechtrommer: Clemens von Ramin (links), Ulrike Folkerts und Stefan Weinzierl in der Bonner Oper.

Die Blechtrommer: Clemens von Ramin (links), Ulrike Folkerts und Stefan Weinzierl in der Bonner Oper.

Bonn. Ulrike Folkerts und Schlagzeuger Stefan Weinzierl interpretieren Günter Grass' Jahrhundertroman „Die Blechtrommel“ in der Bonner Oper

Es dauerte ein gutes halbes Jahrhundert: Erst 2010 gab Günter Grass die Zustimmung für eine erste Bühnenfassung seines Welterfolgs „Die Blechtrommel“. Dabei war der Roman als Auftakt der so genannten Danziger Trilogie bereits 1959 erschienen. Zwanzig Jahre später erhielt die kongeniale Verfilmung von Volker Schlöndorff sowohl den Oscar als bester fremdsprachiger Film als auch die Goldene Palme von Cannes.

Ein wenig verwundert es schon, dass lange Zeit niemand auf die Idee gekommen ist, die „Blechtrommel“ gewissermaßen in ihrer ureigensten Form als musikalische Lesung zu interpretieren. Dann jedoch initiierte der Hamburger Schlagzeuger und Multiperkussionist Stefan Weinzierl ein Projekt, welches Grass' Jahrhundertwerk in naheliegendster Version zu neuem Leben erweckt. Zusammen mit der Schauspielerin Ulrike Folkerts, einem großen Publikum als dienstälteste „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal bekannt, und dem Rezitator Clemens von Ramin bringt Weinzierl „Die Blechtrommel“ in einer bislang einzigartigen, interagierenden Kombination aus Lesung und Schlagwerk-Performance auf die Bühne. Schade bloß, dass für das Gastspiel in der Reihe „Quatsch keine Oper!“ das Bonner Opernhaus lediglich zur Hälfte gefüllt war.

Das Manuskript für das interdisziplinäre Projekt wurde von Günter Raake aus dem Roman entwickelt und gibt die Geschichte von Oskar Matzerath und seiner Blechtrommel wieder. Oskar kommt 1924 in Danzig zur Welt, und zu diesem Zeitpunkt ist sein Verstand schon vollständig ausgebildet. Weil er im Alter von drei Jahren nicht mehr wächst, berichtet er als scheinbar ewiges Kind aus der Perspektive von unten über die Welt der Erwachsenen. Dank seiner Blechtrommel vermag er sich auch Ereignisse, an denen er nicht beteiligt war, zu vergegenwärtigen und sie zu schildern. Clemens von Ramin gibt mit seiner kultivierten, sonoren Stimme den perfekten Erzähler, während Ulrike Folkerts die Passagen aus Oskars Perspektive übernimmt – und in meisterlicher Manier auf eine persönliche, emotionale Phrasierung setzt. Die TV-Kommissarin erweist sich als exzellente, weil beseelte und den Text durchdringende Rezitatorin.

Wie großartig die Verbindung mit Weinzierls Schlagwerk-Arrangements gedeiht, wird bereits am Anfang deutlich, als der Nachtfalter aus dem Kapitel „Falter und Glühbirne“ das Erste ist, was Oskar unmittelbar nach seiner Geburt erblickt. Weinzierl hat sich hinter einer wahren Perkussionsburg verschanzt und setzt aus Marimbaphon, großer Konzerttrommel, Röhrenglocke, diversen Becken, Vibraphon und einem Schlägelarsenal ein faszinierendes Klangmosaik zusammen, das punktgenau mit den Textauszügen verzahnt ist. Wie Weinzierl zu Beginn der zweiten Hälfte ein reduziertes Blechtrommel-Solo in ein wahres Perkussions-Inferno überleitet – atemberaubend. Es ist nicht weniger als die klangliche Essenz aus Grass' Opus Magnum.