Kirche wird ausgeräumt

Orgelbauer am Bonner Münster ziehen alle Register

Bonn. Fünfeinhalb Meter misst die größte Orgelpfeife im Bonner Münster. Da die Kirche in den nächsten Jahren umfassend saniert wird, müssen auch große Teile der Klais-Orgel von 1961 ausgebaut werden. Experten des Bonner Traditionsbetriebs sind damit schon seit Tagen beschäftigt.

Es ist Millimeterarbeit. Konzentriert schaut Dominik Haubrichs ins Gewölbe des Bonner Münsters und gibt Kommandos. „Jetzt ein Stück vor, dann um die Ecke – langsam!“, ruft der Orgelbauer seinen drei Kollegen zu. Das Cis in der 16. Prinzipale ist ein ziemlich tiefer Ton. So tief, dass man ihn eigentlich nur spürt, denn er liegt unterhalb der menschlichen Hörgrenze.

Um einen solchen Ton mit einer Orgelpfeife so zu erzeugen, dass er durch eine große Kirche hallt, braucht es viel Resonanzraum. Fünfeinhalb Meter misst die entsprechende Pfeife in der Münster-Orgel. Und sie wiegt locker 80 Kilogramm. Sie aus ihrer Verankerung zu heben und mit einem elektrischen Lastenaufzug runter auf den Kirchenboden zu bugsieren, ist ein Geduldsspiel.

Bevor das Bonner Münster fachgerecht saniert werden kann, müssen auch große Teile der Klais-Orgel von 1961 von Mitarbeitern des Bonner Traditionsbetriebes ausgebaut werden. Das Gesamtinstrument mit seinem originellen Holzprospekt von Bildhauer Manfred Saul, eines der größten in Europa, ist so voluminös, dass darüber kein Platz für ein Baugerüst bliebe. Da aber auch Risse im Gewölbe behoben werden müssen, verbat sich eine simple Einhausung des gesamten Instruments. „Alles muss raus“, bringt es Dekanatssprecher Reinhard Sentis auf den Punkt.

Abbau seit einer Woche

Schon eine Woche sind Dominik Haubrichs und seine Mitarbeiter mit dem Abbau beschäftigt. Auf den Bänken im Kirchenschiff und dazwischen sammeln sich inzwischen bereits Hunderte kleinste bis größere Pfeifen und andere Einzelteile. Und noch fünf bis sechs Wochen Arbeit liegt vor ihnen.

Die größten Pfeifen wurden aus Kupfer gegossen – eine Modeerscheinung, berichtet der Kirchenmusikwissenschaftler und stellvertretende Münster-Organist Professor Wolfgang Bretschneider. Ein Viertel der Pfeifen wurden aus Mahagoni-, Mammutbaum- oder Kiefernholz geschnitzt. Einige sind so schwer, dass sie für den Ausbau mit der Kreissäge geteilt werden müssen. „Das klingt aber brutaler, als es ist“, beruhigt Haubrichs. Heute würden ähnliche Stücke gleich in zwei Teilen zum Einbau geliefert.

Vor allem die meisten kleinen Pfeifen, die kleinste misst kaum einen Zentimeter, sind aus einer Legierung aus Zinn und Blei in wechselnden Mischungsverhältnissen gegossen und dürfen nur mit Handschuhen angefasst werden. Orgelkenner Bretschneider demonstriert, wie sie funktionieren. Er spielt sie fast so souverän wie andere ihre Querflöte.

Übung seit er 13 Jahre alt ist

Bretschneider, der verschiedene Professuren innehatte und sowohl der Musik- als auch der Liturgie-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz angehört, kennt die Münster-Orgel wie andere ihr Akkordeon. Schon als 13-Jährigen habe die Mutter ihn zum Unterricht ins Münster geschickt. Dort hing damals noch ein Provisorium aus den Trümmern der alten Vorkriegsorgel, die bei einem Bombenangriff zu Boden gestürzt war. Heute ist diese Orgel in St. Michael zu hören. Für Bretschneider war es wenig später ein erhebendes Gefühl, als die neue Orgel eingebaut und gestimmt wurde.

Mit der Zeit wurde sie mehrfach auf inzwischen 69 Register erweitert und zweimal durchgereinigt. Auch wenn der Organist weltweit Konzerte gab und seiner Lehrtätigkeit nachging, blieb er dem Bonner Instrument stets besonders verbunden. „Wenn die nicht wieder aufgehängt würde, würde ich mich in den Rhein stürzen“, droht Bretschneider vorsichtshalber.

Davon ist zum Glück keine Rede. Nach der Kirchensanierung kommen die sorgsam nummerierten Teile wieder an Ort und Stelle und die eingehausten Teile werden komplett gereinigt, verspricht Orgelbauer Haubrichs. Und damit nicht genug. Wenn es nach Bretschneider und Münster-Organist und Regionalkantor Markus Karas geht, wird bald eine Celesta als 70. Register das Klangspek- trum der Münsterorgel komplettieren. „Das sind Klangschalen, die mit einem Hebel angeschlagen werden“, erklärt Karas. Der Förderverein für Kirchenmusik am Bonner Münster freut sich dafür noch über weitere Spenden.