Kammermusikfestival im Beethoven-Haus

Olli Mustonen eröffnet die Beethovenwoche

Liebt die finnischen Wälder: Musiker Olli Mustonen. FOTO: MONTOSEN

Liebt die finnischen Wälder: Musiker Olli Mustonen. FOTO: MONTOSEN

Bonn. Ein Gespräch mit dem finnischen Pianisten, Dirigenten und Komponisten, der am 25. Januar mit den Diabelli-Variationen die Beethovenwoche eröffnet.

Fünf Minuten benötigt Olli Mustonen mit dem Auto von seinem Haus an einem See in den Wäldern Finnlands bis zu seinem nächsten Nachbarn. Mustonen ist Pianist, Dirigent und Komponist und genießt hier in „der Mitte vom Nirgendwo“, wie er den Landstrich bezeichnet, mit seiner Familie die Ruhe vom stressigen Konzertleben. Ein Telefon aber hat er glücklicherweise dabei, so dass wir uns zu einem fernmündlichen Gespräch verabreden konnten. Der Wald, so Mustonen, habe für die Finnen eine geradezu spirituelle Bedeutung.

Er selbst nehme diese besondere Aura bei seinen Spaziergängen ganz intensiv wahr, erzählt er. Und beschreibt, wie er bei seinen Ausflügen oft neue Dinge bemerkt, Pflanzen, Tiere – und wenn es nur ein winziges Insekt ist –, die er zum ersten Mal sieht. „Das ist wie mit den großen Meisterwerken der Musik“, findet er. „Egal, wie oft wir uns damit schon beschäftigt haben, entdecken wir immer wieder Details, die wir zuvor nie wahrgenommen haben.“

Variationen als Abbild der gesamten Tonwelt

Das zentrale Werk, das er Ende Januar zur Eröffnung der Beethovenwoche im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses spielen wird, wäre als Paradebeispiel für diese These bestens geeignet: Ludwig van Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer von Diabelli op. 120, die sogenannten Diabelli-Variationen, um die das gesamte Festival kreisen wird. Der Zyklus ist längst zum Mythos geworden, schon im 19. Jahrhundert waren sie für den Musiker Hans von Bülow nicht weniger als der „Mikrokosmos des Beethoven'schen Genius, ja sogar ein Abbild der ganzen Tonwelt“. Eine immer noch aktuelle Einschätzung. Auch der heute 51 Jahre alte Mustonen hat sich ein Leben lang mit Beethovens letztem großen Klavierwerk auseinandergesetzt. „Die Variationen sind etwas, das man mit nichts sonst in der Klavierliteratur vergleichen kann. Sie sind einzigartig selbst in Beethovens Schaffen.“

Die Begeisterung für das Werk schwingt in jedem Wort mit, wenn er die Evolution der Musik aus der Keimzelle des schlichten Diabelli-Walzers beschreibt. Zum Beispiel Beethovens Umgang mit der Grundtonart C-Dur, die er „bis auf einen flüchtigen Blick nach c-Moll“ lange nicht verlasse. „Es bleibt immerzu in C-Dur bis kurz vor dem Ende, wo er dann mit den drei Variationen in c-Moll eine ganz andere Welt betritt. Alles kommt hier zum Stillstand. Und man hat den Eindruck, es führt kein Weg aus diesem Moll-Kosmos je wieder heraus.“ Und wenn es Beethoven dann doch gelingt, gehe er nicht zurück nach C-Dur, sondern öffne das Tor zum leuchtenden Es-Dur. „Das ist brillant und psychologisch absolut zwingend.“

Mustonen bewundert genauso den Humor, der in den Diabelli-Variationen aufblitzt, etwa, wenn Beethoven plötzlich musikalisch den Vorhang für den treuen Diener Leporello aus Mozarts „Don Giovanni“ öffnet. Aber der Scherz muss nicht immer so greifbar sein, wie in dieser Variation Nr. 22. „Humor ist bei Beethoven ständig präsent. Selbst in den späten Streichquartetten, die natürlich philosophische und unglaublich tiefgründige Werke sind.“ Mustonen denkt, dass wirklich große Komponisten auch ihre Freude am eigenen Tun auszeichnet. „Natürlich gibt es Musiker, die nur so tun, als ob sie tiefgründig wären“, schränkt er ein. „Deren Musik ist dann aber eher düster und ohne Humor. Aber in der Musik aller wirklich großen Komponisten wie Bach, Mozart, Beethoven, Brahms oder Schumann findet man immer auch Humor.“

Eine Frage der Persönlichkeit

Mustonen, der selbst auch komponiert, legt Wert auf die Haltung eines Künstlers. „Ich finde es problematisch, wenn zeitgenössische Komponisten sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt stellen und sich nach ihrem Platz in der Musikgeschichte fragen und deshalb um jeden Preis originell sein wollen. Wenn man keine eigene Persönlichkeit hat, ist es unmöglich eine vorzugeben“, meint Mustonen. Das sei ähnlich wie mit der Handschrift, die man auch nicht verstecken könne. „Wenn Strawinsky einen Ragtime schreibt, klingt er nach Strawinsky.“ Genauso sei es, wenn Ravel, Bach oder Beethoven sich andere Stile aneigneten. Tatsächlich notiert Mustonen seine Kompositionen selbst mit der Hand. Obwohl sein Vater Seppo Mustonen – ein angesehener Mathematiker, Professor für Statistik und Computerpionier – den Sohn Olli schon als Kind mit Notationsprogrammen vertraut machte, die er selbst entwickelt hatte.

Rückblickend erkennt Mustonen darin eine gewisse Ironie: „Ich war also einer der ersten, die den Computer beim Komponieren nutzten, und jetzt bin ich einer der letzten, der mit der Hand schreibt.“ Die Handschrift der Diabelli-Variationen, die im Archiv des Beethoven-Hauses aufbewahrt werden, hat er bislang noch nicht im Original gesehen. Aber vielleicht hat Olli Mustonen ja im Januar Gelegenheit dazu.

Infos und Termine gibt es hier.