Ausstellung „Bilderstrom“ im LVR-Landesmuseum

Oft schon totgesagt, aber der Rhein fließt und fließt

Axel Stoffers, aus der Serie „Im Fluss“, 1999–2002.

Axel Stoffers, aus der Serie „Im Fluss“, 1999–2002.

Bonn. Mitte der 1990er Jahre galt das Thema Rhein als ausgereizt. Christoph Schaden zeigt in seiner brillanten Ausstellung „Bilderstrom“ im LVR-Landesmuseum, dass das Urteil verfrüht war.

Dem Rhein sei es so ergangen, wie Marlene Dietrich von sich behauptete: „Er ist zu Tode fotografiert worden.“ Zu diesem Fazit kam Klaus Honnef, Bonner Fotoexperte und ehemaliger Ausstellungsleiter der damals noch Rheinisches Landesmuseum heißenden Institution Mitte der 1990er Jahre. Er folgte mit seinem vernichtenden Verdikt dem Publizisten Horst Johannes Tümmers, der in der 1994 erschienenen Flussbiografie konstatierte, dass jeder Fleck des Rheins durch „kenntnisreiche und gediegene Beiträge, auch Banalitäten und billige Bildbände“ erschöpfend dokumentiert sei: „Dem Thema lässt sich, scheint es, nichts mehr

bgewinnen.“ Gleichwohl gab es in den späten 1980er und in den 1990er Jahren bedeutende Rhein-Ausstellungen. Eine grenzüberschreitende Schau organisierte das Landesmuseum 1995: „Der Rhein – Le Rhin – De Waal. Ein europäischer Strom in Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts“.

Für das Kapitel Fotografie war Honnef zuständig. Im Katalog beschrieb er nicht nur den eingangs erwähnten Vergleich zwischen Diva und Strom, er schrieb auch: „Glorifiziert, romantisiert, als 'Kloake' beschimpft, als Naturgewalt gefürchtet, als Nahrungsquelle genutzt, als Reiseziel geliebt, von Umweltzerstörung bedroht – der Rhein und sein Einfluss auf die Menschen an seinen Ufern stehen im Mittelpunkt.“ Und quasi gleichzeitig schreibt Honnef, der Rhein sei zu Tode fotografiert worden.

Ein Satz, der Christoph Schaden nicht ruhen ließ, ihn zum Widerspruch reizte. Jede Generation hat ihren spezifischen Blick auf den Rhein, sieht ihn anders, interpretiert ihn neu. In der Generation nach Honnef stellt der Fotoexperte Schaden – auf Honnefs wunderbarem Wissens- und Bilderfundus fußend – die Fragen neu und tritt im LVR-Landesmuseum den Gegenbeweis zu Honnefs These an. „Bilderstrom. Der Rhein und die Fotografie 2016-1853“ ist eine großartige Ausstellung, Endpunkt von Schadens eineinhalbjähriger Recherche, die bekannte Positionen und auch weniger geläufige Namen von Vertretern der künstlerischen, dokumentarischen und journalistisch-reportagehaften Fotografie aufweist.

Es sind insgesamt 60 Positionen mit über 260 Bildern, die von den allerersten Versuchen, den Rhein auf Papier zu bannen, bis zu aktuellen Konzepten reichen, die einen wenn nicht neuen, so doch originellen Weg der Rheinaneignung beschreiten.

Schaden beginnt seinen Essay mit dem Ende, startet in der Gegenwart, um sich dann Dekade um Dekade zu den Anfängen der Fotografie vorzuarbeiten. Das hat eine eigene Logik, gilt es doch, das von Honnef 1995 totgeschriebene Fotomotiv Rhein zu revitalisieren. Das gelingt Schaden vorzüglich: Die zwei Jahrzehnte nach 1995 stecken – was Honnef damals nicht ahnen konnte – voller hochinteressanter Ansätze. Totgesagte leben länger: Man könnte meinen, dass 1995 den Schub, den Impuls gab, das Thema Rhein neu zu denken. Schaden dokumentiert aber nicht nur, was seit 1995 geschah – es fallen Namen wie Barbara Klemm und Michael Lange, Bernd Arnold und Gerhard Richter, Gabriele Pütz, Wolfgang Tillmans und Wolfgang Zurborn. Er zeigt auch die Bestandsaufnahme der Jahre um 1995, den Rhein als verbauten, vermüllten, unzugänglichen Strom ohne Charme, eine ökologische und gesellschaftliche Katastrophe.

„Bilderstrom“ beginnt mit einem Seitenhieb auf das berühmteste Rheinfoto überhaupt: Andreas Gurskys „Rhein II“ (1999), von dem ein Abzug von insgesamt sechs im Jahr 2011 in New York für 3,1 Millionen Euro versteigert wurde. Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger haben in einer Installation Gurskys Fotomotiv als ironisches „Making of“ in Bildkomponenten zerlegt und dann abfotografiert. Ein Seitenhieb auf Gurskys digitale Bildmanipulation. Das Landesmuseum hat Gurskys Original trotz Anfragen übrigens nicht bekommen. In der Bundeskunsthalle hängt dafür das kleinere „Rhein I“. „Rhein II“ taucht aber fast versteckt in der witzigen Serie „Rhein III“ von Max Regenberg im Landesmuseum auf: und zwar 2003 als Plakat der rot-grünen NRW-Regierung mitten im Stadtbild, einmal sogar neben dem SPD-Plakat „Wir schaffen das“. Eine Entzauberung Gurskys.

In den Jahren zwischen 2016 und 2010 erleben wir die Panorama-Smartphone-Fotografie von Bernd Hoff, die diesigen Impressionen von Kris Scholz und Barbara Klemms Naturgewalten am Rheinfall in Schaffhausen sowie Wilhelm Kochs Rheinschiff-Fragmente. Aus der Dekade 2009-2000 stechen die wunderbaren Menschenbilder und Soziogramme Bernd Arnolds und des Duos Valeska Achenbach/Isabela Pacini hervor. Die 1990er Jahre sind geprägt vom kritischen Blick auf die Ökokatastrophe Rhein: Axel Stoffers zeigt die braune Brühe, Nora Schattauer giftiges Wasser, Boris Becker einen abweisenden, nur noch industriell genutzten Strom, Rolf Georg Bitsch widmet sich dem Hochwasser und Ute Mahler Menschen, die kein Interesse mehr am Rhein haben. Insbesondere Wilhelm Schürmann und René Böll rücken in den 1980er Jahren das Leben am Fluss ins Zentrum ihrer Fotografie, Joachim Schumachers Reportage von den Bewohnern des Rheinschiffs „Amazone“ zeichnet eine beschauliche Idylle.

Während in den 1970ern etwa bei Martin und Reinhard Matz oder bei Barbara Klemm deutliche Kritik am romantisierten Bild vom Rhein aufkommt, nutzt Chargesheimer in den 1960er Jahren das Rheinufer als Laufsteg für seine wunderbaren Menschen- und Porträtstudien und liefert Henri Cartier-Bresson in den 1950ern ganz starke Reportagen über den wirtschaftlichen Aufschwung. Der Kontrast zwischen den zerstörten Rheinuferbildern der 1940er von Lee Miller und Robert Capa und den mehr oder weniger völkischen Idyllen der 1930er von August Sander bis Kurt Boecker könnte nicht größer sein. Die „Goldenen Zwanziger“ glänzen mit unbeschwerten Themen, einem Hauch Erotik und Witz sowie den grandiosen Fotografen Herbert List, Albert Renger-Patzsch und Friedrich Seidenstücker.

Bei Erwin Quedenfeldt (um 1915) und seinen duftigen, stillen Ansichten vom Niederrhein fällt bereits eine starke Nähe zur Malerei auf – ein Eindruck, der sich verstärkt, je weiter man sich dem chronologischen Anfang der Schau nähert. Das letzte Kapitel des Bilderstroms fasst die Jahre 1899 bis 1853 zusammen. Eine hochinteressante Phase der Fotografie, die einerseits kompositorisch und stimmungsmäßig noch im Kielwasser der rheinromantischen Malerei schwimmt und natürlich auch die touristischen Hotspots aufsucht, andererseits einen gewissen journalistischen Ehrgeiz entwickelt und reportagehafte Züge trägt. Technisch und von der samtigen Anmutung her zählen die Salzpapier- und Silbersalzabzüge von Theodor Creifelds und Charles Marville ohnehin zu den Höhepunkten dieser exzellenten Schau.