Oberdollendorfer Künstler Ernemann Sander öffnet sein Atelier

Jeden dritten Donnerstag im Monat gewährt der Bildhauer Einblick in sein Schaffen - Zurzeit arbeitet er an einem Verkündigungsengel für Altötting - Augen gehen auf Entdeckungsreise

Oberdollendorf. "So zwischen 16 und 20 Uhr habe ich immer eine gute Zeit", sagt Ernemann Sander. Just in dieser zweiten Arbeitsphase nach einem kurzen Mittagsschläfchen muss ihn der Gedankenblitz durchzuckt haben, künftig regelmäßig Besuchern sein Atelier zu öffnen. Der liebenswürdige älterer Herr, dem man auf der Straße oder gelegentlich in einem der urigen Oberdollendorfer Wirtshäuser begegnet, es ist einer der ganz Großen seiner Zunft.

Dem Bildhauer verdankt die Region etwa die Esel am Rheinufer, den Heiligen Michael an der Niederdollendorfer Kirche, die Schutzmantelmadonna am Kloster Heisterbach, Mönch Caesarius in Oberdollendorf, den Archimedes im Oberpleiser Schulzentrum, die drei Figuren im Garten des Siebengebirgsmuseums, ein Geschenk Sanders an die Stadt, oder den Tierbrunnen in Honnefs Fußgängerzone.

Extravaganzen sind Sander fremd. Vor seinen Martins-Reliefs neben dem Chor des Bonner Münsters fragte ihn ein Passant, wer das denn geschaffen habe. "Ich", antwortete Sander. "Sie Jeck", meinte sein Gegenüber ungläubig, "ein Bildhauer sieht anders aus." Wie denn eigentlich?

Langsam steigt Ernemann Sander vom Wohnzimmer aus die zwölf Stufen hinab in sein Reich. Hohe Fenster lassen reichlich Licht herein. Von der Galerie aus, wo sein Zeichentisch steht, blickt er auf den Oberkasseler Felsen.

1964 hatte Sander dieses Haus am Weinberg gebaut, das Platz bot für seine Familie mit fünf Kindern und sein Atelier. Er kannte sich aus damit. Schon einmal hatte er sich einen Arbeitsraum eingerichtet, nach Krieg und Gefangenschaft, aus Ziegeln eines Trümmerhauses. Damals, in Jena, von wo aus er 1953 mit seiner Frau Hannelore und Tochter Claudia, heute seine rechte Hand, nach Westberlin flüchtete, bald darauf nach Bonn kam.

Mit den Machthabern im Osten hatte er nichts im Sinn. "Die einen wollten mich zu ihrem neuen Arno Breker machen. Walter Ulbricht urteilte: »Der steht ideologisch im anderen Lager.«" Gut erkannt vom SED-Mann: Auf einem Relief mit dem Thema "Die Volksbefragung" ließ Sander zwei Männer so unverschämt lachen. Sander: "Ich bin davor zurückgeschreckt, ein Staatskünstler zu werden." Denn: "Ich habe nie etwas gemacht, was ich nicht geglaubt habe."

Schon in ganz jungen Jahren hatte der 1925 in Leipzig geborene Künstler Interesse an seinen Arbeiten geweckt. Der Vater, ein Universitätsprofessor für Psychologie, ließ Ernemann Sander gewähren, verfolgte seine ersten Versuche. So blieben selbst die Skizzen des Fünfjährigen erhalten.

Schule interessierte Sander nicht sonderlich. Bereits mit 16 ging's vom Gymnasium an die Hochschule für Bildende Künste in Weimar. Tierzeichner Walter Klemm war sein Lehrer. Unter seinen Fittichen entstanden Akt- und Tierzeichnungen, auch plastische Arbeiten. "Die Frau ist das Schönste, was es gibt, dann kommen die Pferde."

Die Stute aus Ton, die Ernemann Sander mit 12 oder 13 formte, vermittelt einen Eindruck von frühen künstlerischen Fertigkeiten. Und die beiden springenden Fohlen erst: die pure Lebenslust. "So habe ich mich gefühlt", erzählt Sander. Die temperamentvollen Tiere waren kreativer Ausdruck seiner Freude über den Aufnahmebescheid von der Hochschule.

Wer Sanders Einladung ins Atelier annimmt, wird staunen. Kunst überall. Augen gehen auf Entdeckungsreise. Alles auf einmal ist gar nicht zu bewältigen. Da der große Spiegel mit dem Diwan für Modelle, dort der Arbeitstisch mit den vielfältigen Werkzeugen. Regale sind vollgepackt mit Arbeiten. Kleinplastiken, Bozzetti von großen Figuren.

Ernemann Sander schildert, was es mit den einzelnen Stücken auf sich hat, zeigt, wie raffiniert er die Almosenspende von Bischof Burchard in die Krümme des Bischofsstabes eingearbeitet hat, berichtet von seiner aktuellen Arbeit, dem Verkündigungsengel für eine Ausstellung in Altötting. Seine vor einigen Jahren verstorbene Frau Hanne fehlt ihm.

"Sie war meine beste Kritikerin." Sander erzählt von seiner Erfindung, dem Wachsausschmelzverfahren. Das Wachsmodell wird innen und außen von einem Mantel aus einem Gips-Schamott-Gemisch umschlossen, das Wachs durch Erhitzen ausgeschmolzen und die Leerform mit Bronze gefüllt. Das Gießen überlässt er Sohn Friedemann Sander.

Der Blick des 82-Jährigen fällt auf seine "Europa", eine auf einem Stier sitzende Nackte. Da hebt sich die angenehme Stimme des Künstlers etwas, da schüttelt er immer noch voller Unverständnis den Kopf. Die "Europa" sollte einen Brunnen in der Nähe des Poppelsdorfer Schlosses zieren. Aber die Kunstkommission der Bonner Universität lehnte den Vorschlag mit der Begründung "politically incorrect" ab.

Der Bildhauer hortet Berge von Blättern in den Schränken, pralle Skizzenbücher. Und was ist das? Eine Schutzmantelmadonna. Von Enkel Leif mit recht sicherem Strich gemalt für den Großvater.

Offenes Atelier ist an jedem dritten Donnerstag im Monat, erstmals am 20. März, 17 bis 19 Uhr. Anmeldung über das Siebengebirgsmuseum, Tel. (0 22 23) 37 03.