Glosse

Neil Young lässt die Wölfe heulen

Neil Young scheut auch mit 70 kein Risiko.

Neil Young scheut auch mit 70 kein Risiko.

Bonn. Auch mit 70 hat sich der sympathische und eigenwillige Zausel Neil Young nicht abgewöhnt, musikalisch auf Risiko zu gehen. „Earth“ heißt sein kürzlich erschienenes Album mit 13 live eingespielten Songs.

Seit rund 50 Jahren ist der Mann an Applaus gewöhnt. Neil Young, 70, gehört zu den erfolgreichsten Vertretern der Popmusik. Der in Kanada geborene, seit Langem in den USA lebende Musiker hat dem Magazin „Time“ anvertraut, wie er Applaus mittlerweile empfindet.

Young assoziiert ihn, wie er sagt, mit ganz vielen Dingen: Möwen, Meereswellen, einer vorbeifliegenden Gänseschar. Man muss wissen, dass Neil Young der Natur sehr zugetan ist. Auch mit 70 hat sich der sympathische und eigenwillige Zausel nicht abgewöhnt, musikalisch auf Risiko zu gehen. „Earth“ heißt sein kürzlich erschienenes Album mit 13 live eingespielten Songs (Reprise Records, 2 CDs).

Es ist ein unkonventionelles Werk. Seinen Koproduzenten John Hanlon hat Young aufgefordert, alle Regeln, die für Live-Alben gelten, über Bord zu werfen. So gewinnen die Songs, die Young mit Musikern wie Willie Nelsons Söhnen Lukas und Micah aufgenommen hat, eine zusätzliche akustische Dimension. Mit von der Partie sind Wölfe, Kojoten, Bienen, Grillen und Wale, Vögel, ein Elch und ein Bär. Sechs Männer, darunter die Produzenten des Albums, haben sich um das „wildlife recording“ verdient gemacht. Auch die Zivilisation artikuliert sich: Auto- und Maschinengeräusche verweben Young und Hanlon mit Musik und tierischen Lauten.

Das ungewöhnliche Verfahren funktioniert. Summende Bienen akzentuieren in „People Want To Hear About Love“ die vom Sänger aufgerufenen Widersprüche. Fische sterben, Big Business macht uns fertig, die Armut auf der Welt wächst – und die Menschen verzichten dennoch nicht auf musikalischen Eskapismus. Sie wollen trotz allem Liebeslieder hören.

Dagegen positioniert sich vernehmlich der Bienenchor – könnte man zumindest so empfinden. Die Gitarren auf „The Monsanto Years“, einer musikalischen Polemik gegen den amerikanischen Agrar-Riesen, treten am Ende des Songs in einen aufregenden Dialog ein. Sie klagen an und artikulieren schrillen Protest. Ein gespenstisches Echo kommt von krächzenden Vögeln. Am Ende von „Wolf Moon“ heulen sogar die Wölfe. Die Natur begehrt auf.