Euro Theater Central

Molières Komödie "Der eingebildete Kranke" im Euro Theater Central

Weiße Kopfbinde auf ergrautem Zottelhaar: Johannes K.Prill und Virginie Cointe in "Der eingebildete Kranke".

BONN. Monsieur Argan ist vernarrt in seine Krankheiten. Deshalb lässt er sie sich gern etwas kosten. Ein Arzt in der Familie könnte zur Kostendämpfung beitragen. Deshalb soll seine hübsche Tochter einen Vertreter der Heilkunst ehelichen. Das Mädchen hat freilich sein Herz an Cléante verloren. Glücklicherweise gibt es die Bedienstete Toinette, die nicht nur beherzt eingreift, sondern auch über ein recht lockeres Mundwerk verfügt.

Im Euro Theater Central spricht sie jetzt Deutsch mit einem bezaubernden französischen Akzent. Vor einem Jahr brachte das Zimmertheater Molières berühmte Komödie "Le malade imaginaire" in der Originalsprache heraus. Das Wagnis gelang so vortrefflich, dass viel mehr frankophone Vorstellungen als geplant nötig waren, um den Bedarf zu decken. Nun gibt es endlich eine deutschsprachige Version der pfiffigen Inszenierung der Schweizerin Marianne de Pury.

Mit "Der eingebildete Kranke" eröffnete das Euro Theater Central seine 44. Spielzeit. Etliche Proben waren nötig, denn die ungemein präzis auf dem Sprachrhythmus aufgebaute Arbeit verlangte von dem fünfköpfigen Ensemble neue Bewegungsabläufe und anders gesetzte Pointen.

Eine echte Premiere ist es für die gebürtige Französin Virginie Cointe, die zum ersten Mal eine Rolle auf Deutsch spielt. Ihre energische Toinette ist der Motor der Handlung. Die aufgeweckte Dienerin hält neben dem Staubwedel auch die Fäden in der Hand, an denen die feinen Herrschaften wie Marionetten hängen.

Die Regie lässt keinen Zweifel daran, dass alles nur gespielt ist im hellen Bühnenbild von Ausstatter Thomas Ziegler. Die flotte Improvisations-Ästhetik der Commedia dell'Arte prägt den Witz der Aufführung, in Bewegung gebracht von der Choreographin Bärbel Stenzenberger.

In schwarzen Kostümen und mit weiß geschminkten Gesichtern wartet die Schauspielertruppe hinter dem Sessel des "sterbenskranken" Hausherrn auf ihren Einsatz und mokiert sich über dessen üppigen Arzneimittelkonsum.

Mit weißer Kopfbinde auf dem ergrauten Zottelhaar und Wollsocken zum Rokoko-Hausmantel thront der alte Tyrann im Zentrum der Bühne, kämpft mit einem hartnäckigen Schluckauf, verlangt nach teuren Klistierchen und Tinktürchen, meckert ungeduldig über alles und misst seine verbleibende Lebenszeit in Apothekenstunden.

Johannes Prill spielt den selbstsüchtigen, einsamen Hypochonder fabelhaft genau und gibt ihm über alle pralle Komik hinweg den sanften Hauch von Tragik, der diese Theaterfigur seit der Uraufführung 1673 in Paris (Molière selbst spielte bekanntlich die Titelrolle und starb kurz danach) unsterblich gemacht hat.

Ein roter Handschuh und ein kokett wedelnder Fächer genügen, um Stephan Tacke-Unterberg vom schmachtenden jungen Liebhaber oder gelehrigen Medizinstudenten in Argans hoffnungsvolle Gattin Béline zu verwandeln.

Franz-Jürgen Zigelski gibt wahlweise den Arzt oder Notar - seriös ausgewiesen durch Doktorhut und Brille - und den braven Béralde, der Argan brüderlich ins Gewissen redet. Sandra Pohl debütiert entzückend als Töchterchen Angélique. Das Komödienglück triumphiert in 100 heiter prickelnden Minuten (inkl. Pause).

Der angeregte Beifall für das virtuose Ensemble und das Inzenierungs-Team brauchte kein Doping aus dem Arsenal der Ärzte und Apotheker.

Nächste Vorstellungen am 12./13.10. jeweils um 20 Uhr. Kartenbestellungen unter Tel. 0228/652951 oder www.eurotheater.de