Sommerfestival und Jazz im Biergarten

Mehr als 60 Konzerte bei freiem Eintritt in der Rheinaue

BONN. Die Veranstaltungsreihen Sommerfestival und Jazz im Biergarten locken viel Publikum in den Bonner Park. Bis Ende August werden rund 50.000 Besucher erwartet. Und ein Jubiläum: am 18. Juli geht das 1000. Konzert über die flache Bühne des Parkrestaurants.

London am 12. Juli 1962. Im Marquee Club absolvieren fünf halbstarke Musiker vor hundert Zuschauern ihren ersten Auftritt. Es ist die Geburtsstunde der Rolling Stones. Auch in Bonn rollen bald die Steine. Im Februar 1978 gründen die Stones-Fans Volker Hovestadt (Gitarre) und Jochen Kleinebreil (Gesang) eine Band, die sich ein paar Monate später beim jährlichen Stadtfestival „Bonner Sommer“ erstmals öffentlich präsentiert. Die lokale Presse fragt nach dem Bandnamen, den es noch nicht gibt. Aber er ist schnell gefunden: Sticky Fingers, so heißt das neunte Album der großen Vorbilder.

Seit nunmehr 40 Jahren spielen die Sticky Fingers die frühen Klassiker von Mick Jagger und Keith Richards, das Leitmotiv ihres Jubiläums ist an das Stones-Album „It’s Only Rock ’n’ Roll“ (1974) angelehnt: „It’s only Rolling Stones, but we like it!“

Die Band um Gitarrist Volker Hovestadt und den heutigen Sänger Günther Grothaus zählt mit diesem Repertoire zum Inventar des „Sommerfestivals“, das seit 1997 im Biergarten des Parkrestaurants Rheinaue ausgerichtet wird. Zusammen mit der fünf Jahre älteren Reihe „Jazz im Biergarten“ locken die Veranstalter Dirk Dötsch und Walter Schnabel pro Saison mehr als 40.000 Musikfreunde ins gastronomische Epizentrum des Parks.

Die Jazz-Konzerte laufen bereits seit Anfang Juni, jeweils sonntags ab 14 Uhr. Das Sommerfestival startet am 9. Juli mit den Blues Brothers, wenn man so will: Die Mitglieder der lokalen Band Heart & Soul erscheinen im Zwirn der Originale und zelebrieren deren Lieder nicht minder cool.

In diesem Jahr könnten, gutes Wetter vorausgesetzt, die 50.000 geknackt werden. Denn bis Ende August stehen insgesamt 63 Konzerte im Spielplan. Und selbst Regen schreckt kaum mehr ab: „Gespielt wird bei jedem Wetter“, versichert Veranstalter Dötsch. Schließlich hat er als wettererprobter Gastwirt vorgesorgt: Große Marktschirme lassen kaum einen störenden Tropfen auf die 800 Sitzplätze durch.

"Beeindruckende Vielfalt"

Auf Nummer sicher geht auch Walter Schnabel als künstlerischer Leiter beider Reihen: Alter Jazz kommt an beim Publikum und die ambitionierten Coverversionen von Abba bis Queen und Police sowieso. Das bestätigen beinharte Stammgäste wie der Musikfan Willi Schumacher aus Plittersdorf. „Die Vielseitigkeit ist beeindruckend“, sagt der pensionierte Bäckermeister, der seit 15 Jahren täglich zu den Konzerten kommt, wie er sagt. „Wir gucken gar nicht mehr ins Programm, wir fahren mit dem E-Bike blind da hin, egal wer spielt.“

Das tun auch die zahlreichen Zaungäste, die sich mit Familie und Freunden auf den angrenzenden Rasenflächen zum gepflegten Sit-in niederlassen, während im Hintergrund auf der flachen Bühne die blumengeschmückten Sängerinnen Renate Otta und Christine Schoepe unkaputtbare Hippie-Hymnen wie „Don't Stop“ und „O Well“ in die Sommernacht hauchen.

Ausgerechnet Renate Otta. Die Profisängerin aus Köln hat in Produktionen von BAP, Wolf Maahn und Peter Maffay mitgewirkt – und vor vier Jahren eine Tribute-Band ins Leben gerufen. Fleetwood Rocks spielt Fleetwood Mac, klar. Doch Otta geht es um mehr, um musikalische Empathie und solides Handwerk: „Wir haben uns mit unendlicher Hingabe mit den Songs beschäftigt und die Originalsounds bis in kleinste Detail analysiert“, sagt die Sängerin.

Denn auch covern ist Kunst. „Es geht um die Musik, nicht um Imitation“, betont Volker Hove-stadt von den Sticky Fingers im GA-Gespräch. „Wir wollen die Stones-Klassiker so authentisch wie möglich rüberbringen.“ Dass er und Sänger Grothaus ihre äußerlichen Ähnlichkeiten zu Keith und Mick ausspielen, bestreitet er nicht. Aber: „Ich schwärme nicht von irgendwem“, sagt er – und sichert sich vornehm ab: „Ich liebe auch die Beatles.“

"Die Bonner sind von der ersten Minute an gut drauf"

Und Peter Hoffmann liebt die kalifornische Band Creedence Cleerwater Revival, die mit CCR abgekürzt wird. Das wird ausgesprochen wie „Sissi A“ – und so heißt denn auch die Tribute-Band aus Darmstadt. Hoffmann spielt Gitarre und singt, auch er covert mit Anspruch, etwa die Hits „Green River“, „Bad Moon Rising“ und „Proud Mary“. Was sich einfach anhört, sei nicht immer einfach zu spielen, erklärt Hoffmann. „In einige Songs gibt es vielleicht nur zwei Akkordwechsel, aber John Fogerty zieht das konsequent durch und erreicht so erst das psychedelische Feeling der 60er Jahre.“ Als der CCR-Gründer Fogerty 2008 auf dem Bonner Museumsplatz gespielt hat, stand die Band Sissi A geschlossen in der ersten Reihe.

Beim Festival in der Rheinaue haben die Darmstädter jetzt ihren bereits achten Einsatz. „Ein Heimspiel“, sagt Hoffmann. „Die Bonner sind von der ersten Minute an gut drauf.“ In der hessischen Heimat dauere es länger, bis die ersten Hände hochgehen.

26 Jahre Jazz im Biergarten und 21 Jahre Sommerfestival: Für den Mitbegründer Walter Schnabel läuft alles nach Plan. Routine halt. Der Impresario führt akribisch Buch. 314 Bands kamen in all den Jahren zusammen. Und dann hat er die Konzerte addiert.

Und siehe da: Am 18. Juli geht das 1000 Konzert über die Bühne. Mariuzz covert Marius Müller-Westernhagen. Man könnte Luftballons aufsteigen lassen, für jedes Konzert einen.