Marx ist die Theorie, Murx die Praxis

<b>Roland Beiers</b> Karikatur "K. Marx: Tut mir leid, Jungs! War halt nur so`ne Idee von mir..." (1990).

<b>Roland Beiers</b> Karikatur "K. Marx: Tut mir leid, Jungs! War halt nur so`ne Idee von mir..." (1990).

Das Bonner Haus der Geschichte vermittelt mit "Unterm Strich - Karikatur und Zensur in der DDR" verblüffende Einblicke in den Alltag des SED-Staates - Eine Schau, die nachdenklich stimmt und witzig ist

Bonn."Eine gute Pointe muss eben sitzen." Was in Humoristenkreisen ein Muss ist und als Binsenweisheit gilt, erfährt in einer Karikatur von Manfred Bofinger die bitter-ironische Auslegung: Ein Männchen im Sträflingsanzug sitzt auf der Knast-Pritsche und sagt den Spruch mit der Pointe auf.

Geplant war die Zeichnung für die Ausstellung "Treppenwitze", 1970 im Ostberliner Kabarett "Distel", dessen Chef Otto Stark jedoch kalte Füße bekam. Die Karikatur wanderte in die Schublade, wie so manches in der DDR-Diktatur.

Im Haus der Geschichte kann der Besucher der aktuellen Ausstellung in solche Schubladen blicken. Er kann aber auch die verblüffende Vielfalt jener Karikaturen entdecken, die damals veröffentlicht wurden.

"Unterm Strich - Karikatur und Zensur in der DDR" bricht mit zwei Klischees: dem angesichts so Charisma-freier Figuren wie Honecker naheliegenden Vorwurf der östlichen Humorlosigkeit sowie dem Denkmuster, im SED-Staat sei jegliche Kritik verboten gewesen.

Die Karikaturisten fanden ihre Wege. Einmal kaschierte das Magazin "Eulenspiegel" mit staatstragenden Zeichnungen auf Vorder- und Rückseite das brisantere Innenleben, andere Humoristen wählten am Zensor vorbei den Weg von der textlastigen Karikatur zum vielsagenden Cartoon ohne Worte.

In den zahlreichen Ausstellungen durfte es oft satirischer zugehen als im gedruckten Medium. Und doch fanden sich immer wieder linientreue Genossen, die "Schmierfinken" an die Staatssicherheit verpetzten.

Das Haus der Geschichte hat eine Reihe von Bespitzelungs- und Zensurfällen ausgegraben, inklusive Berichten etwa vom "Geheimen Informator" (GI), Deckname Gisela, und Antwortschreiben der Behörde "mit sozialistischem Gruß".

Hauptbegründung für die Zensur war, wenn eine Karikatur westliche Kritik an der DDR bestätigte.

"Man kann oft nicht nachvollziehen, warum manche banalen Dinge verboten wurden und kritische Zeichnungen durchgingen", sagt Projektleiter Daniel Kosthorst vom Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, wo die Ausstellung bereits in umfangreicherer Form zu sehen war: "Bei der Zensur herrschte reine Willkür."

Ein schönes Beispiel ist die sechsteilige Bildergeschichte von Willy Moese (1970), die ein Strichmännchen zeigt, das eine nicht näher bezeichnete Zeitung liest, dann in den Keller stürmt und sich lesend fast totlacht. Die harmlose Geschichte erschien in der "Neuen Berliner Illustrierten". Pressefunktionäre ließen die gesamte Auflage einstampfen.

Keine Probleme hatten die Satirewächter mit der offiziellen Propaganda-Karikatur, die seit den Anfängen des SED-Staates Agitprop der plattesten Sorte gegen den Westen und den Staatsfeind im Inneren abfeuerte.

Da zündelt Adenauer mit amerikanischen "Weltbrandhölzern", den Hakenkreuz-Feuerwehrhelm auf dem Kopf (Kurt Poltiniak, 1953); da lockt der Außenminister und Ostpolitiker Willy Brandt mit einer Westidylle, hinter der sich das Geschützrohr eines Bundeswehrpanzers droht (Peter Dittrich, 1968); da zeichnet Peter Reimann das Blatt "Jagt die Burianek-Bande wie die Ratten aus dem Lande" mit einem Nager, der mit US-Dynamit hantiert (1952).

Die Hetz-Karikatur begleitete den Schauprozess gegen die oppositionelle "Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit", der im Mai 1952 mit dem Todesurteil gegen Johann Burianek endete.

Es gibt eine Reihe ähnlich beklemmender Hinweise auf den Unrechtsstaat DDR in der Ausstellung. Die meisten Karikaturisten aber nahmen den Ost-Alltag ins Visier, Mängelverwaltung und Bürokraten-Willkür, einstimmiges Wahlverhalten und allerlei Allzumenschliches.

"Marx ist die Theorie, Murx die Praxis", liest man dort. Hier weht der DDR-Mief. Ein Hingucker der Schau ist der mit Ost-Druckerzeugnissen bestückte Originalkiosk aus dem sächsischen Bad Lausick. Neben dem "Neuen Deutschland" sowie Magazinen wie "Filmamateur" und "ZB" gibt es dort - unter dem Landentisch - den "Eulenspiegel".

Das Zentralorgan der frechen, manchmal auch hochpolitischen Satire war in der DDR ein ähnlich rares Gut wie Trabi, Nylons oder Südfrüchte. Abos wurden gleichsam vererbt. Was von der Auflage - in Spitzenzeiten (80er Jahre) 490 000 Exemplare - in den freien Handel kam, war schnell vergriffen.

Geheime Vertriebswege suchten sich die einfachen Blätter der Opposition mit Zeichnungen zu Themen wie Kirche, Bespitzelung und Umwelt. Als dann das Ende der DDR näher rückte, bekam die Karikatur eine ganz eigene Dynamik.

Bofingers "Wendehals" von 1990 ist ein schönes Beispiel: Ein Vogel dreht und wendet den Kopf so oft, bis der Hals wie eine Schraube aussieht und der arme Vogel tot umfällt.

Haus der Geschichte Willy-Brandt-Allee 14; bis 5. März 2006. Di-So 9-19 Uhr. Katalog 19,90 Euro. Informationen im Internet: www.hdg.de.