Malerei, aus der Hand gezaubert

Das Kolorit des Mohns und die Öde der vulkanischen Felsen - Im Bonner Kunstmuseum zeigt Walter Urbach unter dem Titel "Papaver" seine wandgroßen, hochformatigen Rollbilder

Bonn. Schon im Titel seiner Ausstellung im Kunstmuseum Bonn, dem lateinisch-botanischen "Papaver", verrät der Maler Walter Urbach sein Urthema, ja seine Obsession, die er - oder sie ihn? - seit dreißig Jahren verfolgt: den Mohn. Doch nicht allein die gewaltige Farbkraft der Blüten fasziniert den ehemals als Werbegrafiker wirkenden Künstler des Jahrgangs 1925; auch die tieferen schon in der Antike erkannten Sinnschichten des Mohns bestimmen die monumentalen Bilder des elfteiligen Zyklus.

Wie die Gattung der Mohngewächse in verschiedenen Erscheinungsformen und mit dem Farbspektrum des Regenbogens in der Natur erscheint, so birgt sie - mit medizinischer Wirkung verbundene - Symbolik in sich.

Bereits die Ägypter und Griechen kannten den Mohn als Schlaf- und Schmerzmittel. Papaver kann Träume, aber auch wie ein Gift Delirium und Tod herbeiführen.

Als wolle der Maler solche Bedeutungsebenen materialisieren, legt er seine Lackfarben Schicht um Schicht auf die wandgroßen, hochformatigen Leinwände. Zweierlei Erfahrungen dienen dabei dem Farbauftrag: zum einen der Umgang mit Aquarell, zum anderen die Technik der chinesischen Tuschmalerei.

Von ihr hat Walter Urbach nicht nur kalligrafische Züge, sondern auch die lockere Pinselhaltung der Asiaten übernommen. Und ihre Kunst hat ihn schließlich zur fernöstlichen Form des Rollbildes angeregt. Die Leinwände sind nämlich nicht auf Keilrahmen gespannt; sie werden vielmehr am oberen Bildrand von Rundhölzern herabgelassen, am unteren davon beschwert.

Zwischen diesen formalen Grenzen bewegen sich große Farbwolken, aus denen das - durchaus einkalkulierte - Farbdripping gleichsam herabregnet. Längst ist Walter Urbach über das den Mohn abbildende Stadium der Malerei - "das wäre ja wie die Blüten von Georgia O''Keeffe" - hinausgeraten. Er hat die ohnehin weichen, in ihrer Form zerfließenden Blüten zu Farbfeldern verwandelt.

Warum aber dringt diese unerwartete Skala von Erd- und Feuerfarben in die Bilder des sanft leuchtenden Mohns? Sie spiegelt eine zweite elementare Naturerfahrung des Künstlers wider: die Begegnung mit der Urkraft des Vulkans Ätna, den er 1997 bestiegen hat. Wohl darum erscheinen einzelne Farbformationen wie Abbreviaturen von urwüchsigen Landschaften.

In dieser gleichsam verborgenen Gegenständlichkeit liegt eine Verwandtschaft mit landschaftlichen Assoziationen, welche auch die Gemälde von Emil Schumacher zulassen. Sein großes Querformat "Timur" von 1989 lädt zum Vergleich im Kunstmuseum ein. Während aber Schumacher die schrundige Erde durch pastose, reliefartige Farberuptionen hervorhebt, trägt Walter Urbach nichts als seine seidigen Lasuren auf.

Durch ihre eigenwillige Präsentation im Kunstmuseum - einige der Rollbilder hängen zu zweit im Sandwichverfahren frei im Raum - dominieren die Erdfarben. Im gegebenen Licht überschatten sie das Kolorit des Mohns und betonen die Öde der vulkanischen Hügel und Felsen. Es überlagern sich also in diesen Bildern die Gegensätze der fragilen, so rasch vergänglichen Pflanze und des krustigen Gesteins.

Vordergründig lassen sich diese Bilder als gestische Malerei, "aus der Hand gezaubert", wie Walter Urbach sagt, einstufen. Tatsächlich aber gehen ihrem Schaffensprozess sowohl handwerkliche als auch gedankliche Vorarbeiten des in späten Jahren zur Reife gelangten Malers voraus. So können sie durchaus den Betrachter zu tiefer greifenden Interpretationen anregen.

Kunstmuseum Bonn bis 11. Mai; Di bis So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bi 21 Uhr; Katalog 25 Euro.