"Kunst und Kapital" in der Bundeskunsthalle

Macht der Bilder

Selbstporträt als Markenzeichen: Katharina Sieverding vor dem „Stauffenberg-Block“.

Selbstporträt als Markenzeichen: Katharina Sieverding vor dem „Stauffenberg-Block“.

Bonn. Die exzellente Retrospektive der Fotokünstlerin Katharina Sieverding "Kunst und Kapital" in der Bonner Bundeskunsthalle umfasst die Jahre 1967 bis 2017.

Eine junge, vermummte Frau, den Kopf umspickt von Wurfmessern, darunter der Schriftzug: „Deutschland wird deutscher“. Das Plakat hängt an mehreren Stellen in Bonn in Köln, unter anderem auch in der U-Bahnstation Heussallee, die zur Bundeskunsthalle führt – und in der Lobby der Institution. Es ist die Wiederaufnahme einer Plakataktion von Katharina Sieverding, die 1993 die Situation nach der Wiedervereinigung und den wachsenden Rechtsradikalismus spiegelte, Proteststürme entfachte, Verbote nach sich zog. Umfangreich dokumentiert die Bundeskunsthalle diesen Sturm der nationalen Entrüstung. Das Thema sei nach wie vor aktuell, sagt Sieverding bei der Vorstellung ihrer exzellenten Retrospektive „Kunst und Kapital“. „Deutschland wird deutscher“ sei angesichts rechtspopulistischer Entwicklungen und aufkeimender Nationalismen immer noch Thema und Mahnung zugleich.

Überhaupt erkennt man im Werk der 72-jährigen Fotokünstlerin, das opulent aufbereitet bis ins Jahr 1967 reicht, kaum eine Spur von Patina. Ob es um die Frage nach dem Individuum und Rollenbildern, nach der Inszenierung der Macht oder Politisierung der Bildsprache, um Genderfragen und feministische Selbstbehauptung geht – all dies ist immer noch virulent. Und Sieverdings teils plakativ-aufrüttelnde, teils ungeheuer komplex aus dem kollektiven Bildfundus heraus collagierte Fotokunst funktioniert heute noch. Mao, Nixon, Vietnam und der Hiroshima-Bomber „Enola Gay“ lassen sich leicht durch aktuelle Bedrohungsszenarien auswechseln. Die Welt ist in den letzten 50 Jahren weder besser noch sicherer geworden.

Sieverding bespielt ihre Retrospektive in der zehn Meter hohen Halle mit ihren riesigen Bilderzyklen und -installationen. Nach vielen Jahren, in denen die Bundeskunsthalle mit einer unverfrorenen Hartnäckigkeit Künstlerinnen den großen retrospektiven Auftritt verweigerte, hat sich – unter der Ägide von Rein Wolfs – Entscheidendes geändert. Auf Hanne Darboven und Pina Bausch folgt Sieverding, kommendes Jahr darf man sich auf Marina Abramovic freuen. Die Werkschau, die eine Spur zu martialisch inszeniert ist und mit sehr hoch gehängten Bildern offenbar auf die physische Überwältigung des Betrachters zielt (was diese Kunst eigentlich gar nicht nötig hat), startet mit einem Symbolbild: „Kontinentalkern I“ (1983) zeigt den Hiroshimabomber mit dem Schriftzug „Die letzten Knöpfe sind gedrückt.“ Mit dem Zusatz „Bombensicher Bundeskunsthalle Bonn“ warb Sieverding mit der Initiative „Mehr Kunst für Bonn“ 1983 für die Kunsthalle.

Vom Bomber geht der Blick zum „Stauffenberg-Block“ und „Die Sonne um Mitternacht schauen“, zwei mächtige Tableaus, in denen Sieverding ihr Markenzeichen durchdekliniert, das vom Passbild hochvergrößerte Selbstporträt. Ein sehr schönes, ausdrucksstarkes Gesicht, das seit den 60er Jahren als vielfach überarbeitete und überlagerte Projektionsfläche ihrer Kunst dient. Sieverding pur erlebt man in dem 336 Fotos zählenden Zyklus „Motorkamera“ (1973-74) aus der Schenkung Ingrid Oppenheim (Kunstmuseum Bonn): Mal sexy, mal verrucht und diabolisch spielt die Künstlerin mit ihrem Partner Klaus Mettig Rollenbilder und Genderstadien durch.

Die Camouflage und Manipulation, die Verfremdung des Selbstbildes bleiben im Werk ebenso eine Konstante wie der politische Aspekt und der virtuose Umgang mit vorgefundenem Bildmaterial. Es finden sich vielfach überlagerte Pressebilder und etwa auch Sonnenfotos von der Nasa, die aneinandergereiht, in Rot und Blau getaucht, zwei unglaublich poetische Filme entstehen lassen.

Die von Susanne Kleine meisterlich komponierte Schau bietet einen sehr guten Überblick über das Werk dieser außergewöhnlichen Künstlerin, die mit ihren Röntgen- und Kriegsbildern aus dem Balkan und Israel 1997 auf der Biennale in Venedig eine erschütternde Diagnose stellte und mit „Visual Studies“ (2002) den Irak-Krieg in komplexen Bildüberlagerungen thematisierte. Sieverding bleibt am Ball: Ganz neu ist die Serie „Global Desire“, in der Bilder der Amazon-Zentrale in Phoenix, Arizona, von Aufnahmen des nordkoreanischen Despoten Kim Jong-un überlagert werden. Eine gespenstische Allianz.

Bundeskunsthalle; bis 16. Juli. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr