Beethoven Orchester unter Dirk Kaftan mit Werken von Schönberg, Glass und Holst

Luft von anderem Planten

Axel Brüggemann (links) und Dirk Kaftan beim Gespräch im Rahmen von "Im Spiegel 3".

Axel Brüggemann (links) und Dirk Kaftan beim Gespräch im Rahmen von "Im Spiegel 3".

Bonn. Von Stefan George stammt die schöne Zeile "Ich spüre Luft von anderem Planeten", mit der Arnold Schönberg den vierten Satz seines op. 10 für Streichquartett und Sopran eröffnet. Eine Luft, die, in Harmonie übersetzt, atonal klingt - und revolutionär.

Der Komponist brachte das Gerüst der Tonalität, das spätestens mit Wagners Tristan-Akkord gefährlich ins Wanken gebracht wurde, zu Beginn des 20. Jahrhunderts endgültig zum Einsturz.

Dass beim Freitagskonzert des Beethoven-Orchesters das Motto "Planeten" lautete, hatte also nicht nur mit Gustav Holsts gleichnamigem Orchesterzyklus zu tun, der zum Schluss erklang, sondern auch mit Schönbergs musikhistorischer Tat.

Mit seinen fünf Orchesterstücken, die bei ihrer Uraufführung 1912 in London große Teile des Publikums zutiefst verstörten, eröffneten Bonns Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und das Beethoven Orchester im sehr gut besuchten Opernhaus das Konzert.

Die eher kurzen Stücke sind auch mit mehr als hundert Jahren auf dem Buckel noch immer eine Herausforderung. Fürs Publikum wie für die Musiker. Denn Schönberg verlässt auch in Form und Architektur der Musik das gewohnte Terrain.

Nichts Vertrautes, nirgends. Ein fremder Planet eben. Doch das Orchester stürzte sich mit enormer Verve ins erste Stück, die Bläser zeichneten im zweiten Stück wunderbar zarte Klanggebilde. Auch das dritte Stück, "Farben", zwang mit seinen raffiniert changierenden Klängen zum Hinhören.

Nur so, wenn man die Musik so selbstbewusst und klangvoll in Szene setzt, entfaltet sie ihre volle Wirkung.

Obwohl Philip Glass' Konzert für Saxophon-Quartett und Orchester mehr als acht Jahrzehnte jünger ist als Schönbergs op. 16, wirkt es doch weniger verstörend. Vor allem, weil die Kräfte der Harmonik hier wieder ihre stabilisierende Funktion übernehmen können.

Solisten in diesem für Glass' Verhältnisse überaus melodiösen Werk waren Jan Schulte-Bunert (Sopransaxophon), Maike Krullmann (Altsaxophon), Christoph Enzel (Tenorsaxophon) und Kathi Wagner (Baritonsaxophon), die unter dem Namen clair-obscur auftreten.

Dass sie ein bestens eingespieltes Team sind, war von Beginn an zu hören. Und ein bisschen auch zu sehen. Denn sie spielten die vier Sätze des Werks auswendig, was eine bemerkenswerte Gedächtnis- und Konzentrationsleistung darstellt.

Ihr Sound begeisterte das Publikum außerordentlich vom sonoren Klang des Baritons im zweiten Satz bis zu den rasanten Einwürfen des Soprans im Finale. Als Zugabe spielten sie - hübsch choreografiert - Astor Piazzollas "Libertango".

Von Schönbergs op. 16 zeigte sich der britische Komponist Holst außerordentlich beeindruckt. Gleichwohl besitzen seine Planeten, in denen sich durchaus Spuren einer Beeinflussung nachweisen lassen, eine ganz andere Aura. Ihm ging nicht um die Erschließung radikal neuer Welten.

Holst betrachtet die Gestirne auch nicht durch das Teleskop des Astronomen, sondern durch die Brille der Astrologen und zeichnete die sieben Planeten (die Erde blieb außen vor, ebenso der erst später entdeckte und nur vorübergehend zu den Planeten gezählte Pluto) als prägnante musikalische Charakterstudien. Der martialische Mars eröffnete den Reigen mit aggressiv grellen Klängen, die im Anschluss von der Venus sanft befriedet wurden.

Großartig wurde auch der Jupiter in Szene gesetzt, dessen Hymne am Schluss bestes Ohrenfutter für britische Patrioten darstellt und absolut Proms-tauglich ist. Das letzte Stück, Neptun, erklang mit berückendem Klangzauber, woran neben den Musikern des Beethoven Orchesters die von den Damen des Philharmonischen Chores der Stadt Bonn (Einstudierung Paul Krämer) sphärisch gesungenen Vokalisen einen bedeutenden Anteil hatten.

Das Publikum applaudierte ebenso begeistert wie langanhaltend.