Lothar Kittstein: "Bürgerbefragung ist eine Farce"

Bonn. Lothar Kittstein ist Dramatiker und erfolgreich. Aber auch als Leserbriefschreiber bewegt er die Menschen. Kittsteins Zeilen im General-Anzeiger am 29. Januar zum Thema Bürgerbefragung haben in der Kulturszene der Stadt Diskussionen ausgelöst.

"Die sogenannte Bürgerbefragung ist eine Farce", schrieb der Bonner Theaterautor. "Es wimmelt von offenkundig unseriösen, undurchdachten Vorschlägen, deren Einsparvolumen sich gar nicht beziffern lässt. Und im Kommentarbereich tobt sich der Stammtisch aus." Kittsteins Fazit: "Dies ist die Büchse der Pandora, die man mit einer so fahrlässig-schlampig vorbereiteten Parodie auf direkte Demokratie öffnet: Das reaktionäre Ressentiment gegen alles, was nicht massenkompatibel ist."

Normalerweise neigt Lothar Kittstein nicht zu polemischen Pointen. Er ist ein gelassener Gesprächspartner, kluger Analytiker und beredter Fürsprecher des bedrohten Kulturgutes Theater. Jetzt ist er einer der führenden Köpfe der sich organisierenden Bewegung von Kultur-Institutionen in der Stadt. Der Ton in der Spardebatte ist rauer geworden, manchmal aggressiv. Kittstein hingegen, obwohl unnachgiebig in der Sache, bevorzugt nach wir vor den kultivierten, abwägenden Ton.

Am meisten treibt ihn um, dass die Bürgerbefragung Konflikte programmiere: "Sie macht die Tür auf für etwas, das ich unberechtigt finde, dass man Bereiche wie Soziales, Bildung und Kultur gegeneinander ausspielt. Und dann kommt Kultur in eine merkwürdige Verteidigungsposition."

Kittstein sieht den bisherigen gesellschaftlichen Konsens darüber aufgebraucht, dass die Kultur sich in einem Schutzbereich entwickeln könne, der plebiszitären Elementen entzogen sei. Stattdessen würden Ressentiments gegen Künstler geschürt mit dem Tenor: "Die sollen doch alle nach Köln gehen, die reichen Säcke."

Aber muss Kultur ihre Existenz nicht immer wieder neu begründen, erst recht in Zeiten leerer öffentlicher Kassen? Wofür braucht man Theater? "Niemand kann den Beweis führen, dass wir Theater brauchen", räumt Kittstein ein. Aber dann feiert er das Schauspiel als Ort bürgerschaftlicher Kommunikation, an dem man sich über die Gesellschaft, über Moral und Ästhetik verständige. Das könne man nicht mit neoliberalem Nutzen-Denken erfassen.

Theater ist für Kittstein "ein Raum, den eine Stadt sich leisten muss, wenn sie nicht ein Stück ihres Geistes, ihrer Identität verlieren will". Bonn, Stadt des Geistes und Beethovens, wäre für den Dramatiker ärmer, wenn sie eine Strategie des Sparens-um-jeden- Preis verfolgen würde.

Im Gegenteil. Kittstein, der nach der Promotion im Fach Geschichte zwei Jahre als Headhunter gearbeitet hatte, empfiehlt: "Bonn hat so viel Potenzial, dass es sich groß machen muss." 3,5 Millionen Euro weniger im Theater hält er für nicht machbar: "Irgendwann tritt der Substanzverlust ein. Und irgendwann tritt dann auch der Ansehensverlust ein, der auch ein Verlust für Bonn ist."