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"Linie 16" im Bonner Schauspielhaus

Bonn. Fantasie, Spiellust und tolle Songs: Simon Solbergs „Linie 16“ rollt ins Bonner Schauspielhaus. Eine Empfehlung: Schnell Karten reservieren.

Normalerweise steht der Hinweis auf die weiteren Aufführungen einer Schauspielinszenierung am Ende der Premierenkritik. In diesem Fall jedoch gibt es Anlass, mit dem Abspann zu beginnen. „Linie 16“, eine musikalische Achterbahnfahrt durch den rheinischen Untergrund, ist wieder am 19. und 31. Oktober sowie am 24. November zu sehen.

Ich empfehle dringend, Karten zu reservieren, und zwar sofort. Diesen bewegten, inspirierenden und unterhaltsamen Abend sollte man nicht verpassen. Geboten werden mit Fantasie, Spiellust und tollen Songs angefüllte 90 Minuten in der Gesellschaft der Schauspieler Lena Geyer, Annika Schilling, Christian Czeremnych, Christoph Gummert, Timo Kählert und Daniel Stock sowie der Musiker Philip Breidenbach, Jann Marvin Beranek und Thomas Esch. Katia Köhler liefert die passenden Kostüme.

Das Projekt von Regisseur Simon Solberg hat sich aus einem Beitrag zum Theaterfest im September entwickelt. Die Idee, mit szenischen Miniaturen das Ensemble und seine künftigen Arbeiten vorzustellen, trägt nun eine ausgewachsene Aufführung. Die Probenzeit war kurz, die Herausforderungen an Werkstätten und Technik nicht trivial, doch alle zogen an einem Strang und setzten die Linie 16 aufs Gleis.

Dank der Unterstützung und Leihgaben von Bonner Stadtwerken und Kölner Verkehrs-Betrieben stehen echte Innereien einer Stadtbahnlinie auf der von Solberg eingerichteten Bühne. Apropos Solberg. Der Programmzettel weist als Textlieferanten des Abends Volker Racho aus – nicht zu verwechseln mit dem Entertainer und Schlagersänger Vollker Racho. Wer verbirgt sich hinter dem Bonner Racho? Meine Vermutung: Multitalent Solberg.

Die Probenzeit war kurz, die Herausforderungen nicht trivial

Der Abend bringt auf der Fahrt von Köln-Niehl nach Bad Godesberg unterschiedliche Menschen zusammen: eine dramaturgische Struktur, die bereits Volker Ludwigs „Linie 1“ 1986 im Berliner Grips-Theater zum Erfolg verholfen hat. Den Reigen eröffnet Annika Schilling als junge Frau, die sich, Handy am Ohr, in aufgesetzt optimistischer Werbeformelprosa artikuliert. Die Wortkaskaden maskieren seelische Leere. Plötzlich dringt Rauch aus ihrer Tasche, und Schilling singt Bruce Springsteens „I’m On Fire“. So sieht Burn-out auf Solbergs Bühne aus. Dazu passen auch „Great Balls Of Fire“ von Jerry Lee Lewis.

Anderes Beispiel: Lena Geyer als Zuckersüchtige, die von der Aussicht auf Süßigkeiten ekstatisch durchgeschüttelt wird. Zur Illustration erscheint eine menschengroße Milka-Schokoladentafel. Timo Kählert tritt als Klopapier-Philosoph auf, anders kann man das nicht nennen. Eingeführt wird er mit Elementen aus Ennio Morricones „Spiel mir das Lied vom Tod“-Motiv, zum Schluss fragt er sich mit Gnarls Barkley: „Does that make me crazy?“

Daniel Stock kommt in der Konfrontation mit einer überforderten Mutter (Schilling als „Kleptomammi“) als Stotterer naturgemäß nur schwer zu Wort. Redefreiheit findet er als Rapper mit Eminems Hit „Lose Yourself“.Die Aufführung addiert viele solcher Miniaturen, aber nicht als Kopie öder Comedy-Routine, wo Pointe auf Pointe, Lacher auf Lacher folgen muss. „Linie 16“ variiert Tonlagen, Themen und Rhythmus. Der Liederabend verbindet Privates mit Politischem, zeigt Menschen als Einzelkämpfer und in prekärer Zweisamkeit, nimmt Smartphone-Abhängigkeit und Umweltprobleme in den Blick, überhaupt die Zukunft des Planeten.

Ein Einhorn steht für utopisches Potenzial. Geyer verkörpert Mutter Erde. Deren große Zeit, um mit Woodkids „The Golden Age“ zu singen, scheint bald vorbei zu sein: „The golden age is over.“ Zum Schlussbild versammeln sich alle „Linie 16“-Mitfahrer und appellieren mit Michael Jacksons „Man In The Mirror“ ans kollektive Verantwortungsgefühl: „Make that change.“ Danach bricht berechtigter Jubel im Parkett los.

Der Applaus gilt dem Abend im Ganzen und den Schauspielern und Musikern im Besonderen. Regisseur Solberg lässt seinen Akteuren Raum für atemberaubende Soli. Daniel Stock steigert sich wie ein exaltierter Prediger in einen regelrechten Rausch, als er das Thema Geld und Konsum behandelt. Als schwäbische Mutter ist er in der Interaktion mit dem leicht renitenten Sohn Thorben (Czeremnych) unwiderstehlich komisch.

Der Greis will wissen:„Who wants to live forever?“

In einer anderen virtuosen Miniatur altert er wie im Zeitraffer vor unseren Augen. Als Greis fragt er: „Who wants to live forever?“

Annika Schilling gibt mit Madonnas „Frozen“ ambivalenten Muttergefühlen Ausdruck und erforscht mit „Love Will Tear Us Apart“ düstere Bezirke von Liebesbeziehungen. Christoph Gummert arbeitet sich an einem problematischen Vaterverhältnis ab: mit Gerhard Gundermanns Lied „Vater“. Christian Czeremnych bleibt unvergessen als von der Windmaschine beschleunigter Surfer. Timo Kählert punktet als (siehe oben) Klopapiermann und verhaltensauffälliger Polizist. Leny Geyer geht als eine Art Umwelt-Supergirl in die Horizontale, um Plastikverbrechen zu verhindern.

Damit kein falscher Eindruck entsteht. Die Schauspieler singen prima, aber sie spiegeln das Innenleben ihrer Figuren nicht nur auf der Audiospur. Gerade in den ernsten Augenblicken kommt viel Verwandlungskunst ins Spiel.

Aus einer kleinen Idee ist etwas Besonderes entstanden. Karten schon reserviert?

Die nächsten Aufführungen: 19. und 31. Oktober sowie 24. November. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.