Preisträgerkonzert

Liebe zum Spätwerk

Den Beethovenring am Finger: Filippo Gorini mit Stephan Eisel im Kammermusiksaal.

Den Beethovenring am Finger: Filippo Gorini mit Stephan Eisel im Kammermusiksaal.

Bonn. Der junge italienische Pianist Filippo Gorini nimmt im Beethoven-Haus den Beethovenring der Bürger für Beethoven entgegen und bedankt sich mit einem grandiosen Klavierabend

Der musikhistorisch versierte Organist Wendell Kretzschmar aus Thomas Manns „Doktor Faustus“ spricht im Roman gern über Ludwig van Beethoven und speziell über dessen letzte Klaviersonate in c-Moll op. 111. Warum, fragt er in einem seiner leidenschaftlich gehaltenen Vorträge, hat Beethoven zu dieser Sonate keinen dritten Satz geschrieben? Die Antwort: Die gesamte Anlage dieses „Adagio molto semplice e cantabile“ überschriebenen Variationssatzes trage den Charakter eines Abschieds in sich.

Von Abschiedsstimmung ist der junge, erst 22-jährige Pianist Filippo Gorini freilich noch weit entfernt. Ihm liegt der Aufbruch näher. Aber dennoch scheint er nicht weniger von Ludwig van Beethovens Spätwerk fasziniert zu sein, als die von Manns gar nicht so sehr viel älter gezeichnete Romanfigur Kretzschmar. Auch der Auftritt des Italieners bei der Verleihung des Beethovenrings an ihn im ausverkauften Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses am Mittwochabend war ein Lehrstück in Sachen Beethoven-Interpretation.

Gorini, der an diesem Abend den von Patricia Richarz geschmiedeten und gestifteten Beethovenring der Bürger für Beethoven entgegennahm, hat in Bonn schon mehrfach seine Meisterschaft als Beethoveninterpret unter Beweis gestellt. 2015 gewann er mit erst 20 Jahren souverän die Internationale Beethoven Competition der Telekom, was ihm neben dem Preisgeld unter anderem auch eine Einladung zum Beethovenfest einbrachte. Dieser Auftritt, der im vergangenen Jahr im Leoninum stattfand, hat die Bürger für Beethoven dann wiederum so begeistert, dass sie ihn mit überwältigender Mehrheit zum nächsten Ringträger kürten.

Wenn „Bürger“-Vorsitzender Stephan Eisel den jungen Musiker („Er ist jetzt so alt wie Beethoven war, als er Bonn verließ“) bei der Verleihung als „bodenständig“ charakterisierte, gilt dies seinem unprätentiösen, bescheidenen und sympathischen Auftreten. Dazu gehört, dass Gorini nicht darauf besteht, im besten Hotel am Ort zu residieren, sondern gern wieder die Gastfreundschaft der Familie in Anspruch nimmt, bei der er schon während des Beethoven-Wettbewerbs 2015 wohnte.

Um sein Klavierspiel zu beschreiben, wäre „bodenständig“ sicher die falsche Vokabel. Denn Gorini lässt die Musik hier wirklich abheben. Den ersten Satz aus op. 111 spielt er mit der gewaltigen Energie, die Beethoven nicht zuletzt durch die Wahl der „Schicksalstonart“ c-Moll für dieses Werk nahelegt. Der von Wendell Kretzschmar wahrgenommene Abschied bezieht sich auf den zweiten Satz, dessen himmlisch reine Arietta zunächst bis zum rhythmische Exzess der dritten Variation sich steigert, was Gorini zwingend und technisch souverän nachzeichnete. In den folgenden Variationen verwandelt sich die rhythmische Kontur in reinen Klang, mit Tremoli und Trillerfiguren scheint das Thema der Arietta sich von der Welt zu lösen.

Was kann man nach diesem Ende noch spielen? Gorini hatte die Antwort: Das, was Beethoven danach noch komponierte – die Diabelli-Variationen. Die freilich gelten nicht ohne Grund zu den musikalisch anspruchsvollsten Klavierwerken überhaupt. Gorini aber weiß die 33 Veränderungen über den Walzer von Anton Diabelli so zu interpretieren, dass die Spannung keine Sekunde nachlässt. Dabei reizt er die den Variationen innewohnenden Kontraste aus, übertreibt dabei aber nicht. Sein Anschlag wirkt immer nobel, selbst dort, wo Beethoven die Oktaven in der linken Hand poltern lässt. Die klangliche Sensibilität, mit der er etwa die von der Nummer 31 „Largo, molto espressivo“ ausgehende Ruhe Klang werden ließt, war von berührender Schönheit. Das ihm sehr zugeneigte Publikum erhob sich bereits nach op. 111 begeistert von den Sitzen. Und tat es nach den Diabelli-Variationen erneut.