Teufelsgeiger und Zaubercellist

Klassik in der Schleife

Virtuose auf der Geige: Thomas Zehetmair. FOTO: KEITH PATTISON

Virtuose auf der Geige: Thomas Zehetmair.

18.09.2014 St. Hildegard. Sie hatte auf jeden Fall etwas enzyklopädisches, die Aufführung aller 24 Capricen von Niccolò Paganini durch Thomas Zehetmair.

St. Hildegard: Man kann sich nun darüber streiten, ob die Aufführung solcher Zyklen überhaupt sinnvoll ist oder nicht; denn in den seltensten Fällen sind selbige von den Komponisten für solche Zwecke gedacht gewesen, oder ob den geneigten Zuhörern nicht nach der dritten Caprice der extrovertierte Virtuosendrang Paganinis wieder aus den Ohren herauskommt. Man kann es zweifelsohne so machen, aber muss es gewiss nicht.

Problematisch war in St. Hildegard auch der Raum an sich. Architektonisch ist die 1963 vollendete Kirche ein Kleinod, akustisch erwies sie sich an diesem Abend als überaus heikel. Denn der deutliche Nachhall ließ vieles verschwimmen, verunklarte Strukturen und nötigte Zehetmair nicht selten dazu, seine Tempi radikal zurückzunehmen. Zurückhaltung war dennoch seine Sache nicht. Vielfach ging er aufs Ganze und spielte ohne Rücksicht auf Verluste bis zum Äußersten die Virtuosenkarte aus.

Deutlich war jedoch stets Zehetmairs Intention, kein rein virtuoses und massentaugliches Hochglanzprodukt abzuliefern, sondern Paganinis Musik mit all ihren Ecken und Kanten, zu denen Zehetmair durch seine gelegentlich recht eigenwilligen Ansätze weitere hinzufügte, mit neuen, ungewohnten Facetten darzustellen.

Musikalisch lehnte er sich dabei zuweilen sehr weit aus dem Fenster und geriet auch schlichtweg an spieltechnische Grenzen. Flageoletts oder schnelle Terzparallelen sind für sich genommen schon heikel, sie aber simultan, live und dann noch unter diesen akustischen Bedingungen sauber hinzukriegen, ist fast unmöglich.

Für einen kleinen Eklat sorgte unterdessen während der ersten Konzerthälfte ein Fotograf, durch den sich Zehetmair gestört fühlte. Nach einer kurzen Unterbrechung ging es jedoch weiter.

Posttower Lounge: Einen Loop (Englisch für Schleife) gibt es in zahlreichen Zusammenhängen: als modischen Schal, als Gürtel, als "Activity-Tracker" zum Trainieren rund um die Uhr oder als topaktuelles Bastelutensil zum Erstellen bunter Modeaccessoires.

Eine ganz andere Form des Loops präsentierte der Cellist Stephan Schrader in seinem Solo-Abend in der Post Tower Lounge. Solo-Abend? Wer nicht hinschaute, wähnte sich durch die Sample-Effekte, die Schrader mit seiner Loopstation erzeugte, zumindest in einem Kammermusik-Konzert. "Ein Loop ist wie eine Lasagne", erklärte Schrader zur Einführung. Es gebe sie in allen möglichen Varianten - mit Gemüse, Lachs, Bolognese... Die Sauce dazu seien dann die Halleffekte.

Der Künstler gab die Sounds vor - in Form von musikalischen Motiven, stimmlichen Lauten oder Klangeffekten am Cello -, die er durch die Loop-Station elektronisch reproduzierte. Darüber lagen dann wieder andere Klangschichten - Echos, Einwürfe, neue musikalische Elemente. Hohe Konzentration war dabei gefordert.

Mit einer guten Prise Witz würzte der Künstler dann noch sein Programm. So verlief ein unterhaltsamer Abend wie im Fluge, der immer wieder Reminiszenzen auch an bekannte klassische Werke unter anderem von Beethoven, Dvorák, Gabrieli aufleuchten ließ. Schrader unterwarf die klassischen Meilensteine eindrucksvollen Metamorphosen - grandios zum Beispiel Beethovens "Freude" im Ambiente eines irischen Tanzabends.

Vielsprachigkeit ist Schraders Stärke, dazu unbestrittenes Können auf seinem Instrument. Die Vielseitigkeit lebt er auch im Berufsleben aus: als Dozent an der Hochschule für Künste in Bremen, als Mitglied der Kammerphilharmonie Bremen und als Initiator zahlreicher Programme, die die Schnittstelle zwischen Varieté, klassischer Musik und Avantgarde bedienen.

Passender Ausklang eines Abends voller Überraschungen: das aus der Ferne hörbare Feuerwerk von Pützchens Markt entließ das beeindruckte Publikum in die Nacht. Barbara Pikullik (Guido Krawinkel und Barbara Pikullik)