Autorin Tanja Langer

Keine Angst vor schwierigen Männern

Die Autorin Tanja Langer hat sich für ihr aktuelles Buch mit dem Leben des Malers Edvard Munch beschäftigt.

Bonn. Mit ihrem fulminanten Roman "Der Maler Munch" hat Tanja Langer erneut Furore gemacht: Es steht ein Maler der Extreme, es stehen Eifersucht, Liebe, Angst und Tod im Mittelpunkt. Und Munchs Ringen um Freiheit und Unabhängigkeit als Künstler. Der GA sprach mit Tanja Langer.

Sie haben über Heinrich von Kleist geschrieben, jetzt über Edvard Munch: Sympathisch sind diese beiden Männer ja nicht unbedingt...
Tanja Langer: (lacht). Ja, inzwischen ist das schon aufgefallen, dass ich keine Angst vor schwierigen Figuren habe. Ich bin fasziniert von beider Werken, aber bewahre mir bei aller Bewunderung immer auch eine Unbefangenheit, mich ihnen zu nähern. Kleist wie auch Munch haben übrigens auch einen großen Charme. Der entfaltet sich eben bei näherer Betrachtung. Munch ist ein charmanter Stinkstiefel gewesen (lacht), mit kantigen Seiten im Umgang, aber auch mit einer immerwährenden Kindlichkeit.

Wie kamen Sie gerade auf diese beiden?
Langer: Bei Kleist kam es dazu, weil ich in Berlin-Wannsee nur wenige Meter Luftlinie von seinem Grab lebe. Munch ist ja schon mal in meinem Buch "Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte" aufgetaucht. Und da wollte er nicht mehr rausgehen, obwohl er in dem Buch eigentlich nur Auslöser für die Krise der Heldin sein sollte. Daraufhin bin ich in alle mir erreichbaren Munch-Ausstellungen gegangen. Und überall merkte ich: Es erschließt sich mir ein weiterer Aspekt. Ich bekam das Gefühl, zu Hause zu sein in diesen Bildern und Entwicklungen.

Was haben Sie an biografischem Material nutzen können? Und wo haben Sie selbst fiktiv eingesetzt?
Langer: Es gibt ganz zauberhafte Briefwechsel, aus denen ich viel erfuhr. Dann gibt es Auszüge aus Munchs Tagebüchern und Aufzeichnungen. Spannend ist da besonders Munchs Tonfall. Er hat eine sehr expressive, sehr bildhafte, sehr sinnliche Art sich auszudrücken, die aber gleichzeitig von großer Naivität im positiven Sinne geprägt ist.

Das ist das, was Sie ansprachen: Er hat sich die Kindlichkeit bewahrt.
Langer: Genau. Er hat sich diese Offenheit, immer wieder zu staunen und die eigene Wahrnehmung als etwas Überraschendes zu erleben, bis ins hohe Alter bewahrt. Mich interessieren Künstler, die also nicht einfach nur "machen", sondern die auch diese reflexive Ebene haben, über ihre Kunst nachzudenken.

Sie erzählen, ähnlich wie Munch seine Bilder malte, aus subjektiver Sicht. Sie gehen an seinen Bildern entlang. Sie schreiben, was Sie selbst in den Bildern sehen...
Langer: Genau. Ich habe mir Themenschwerpunkte gesetzt. Faszinierend ist natürlich, wie sich in den Bildern Munchs Zusteuern auf seine Lebenskrise festmacht, als er sich selbst in die Nervenheilanstalt einweist. Ich schildere im Buch also, wie er in Warnemünde sitzt und in sein paranoides, bedrängtes und auch durch den Alkohol verstärktes Unwohlsein hineinreitet, sich aber gleichzeitig innerlich wahrnimmt. Wie er nach der Trennung von seiner Geliebten Tulla Larsen am Thema Eifersucht arbeitet, aber plötzlich beginnt, nicht mehr Frauen, sondern Männer, Kinder und Greise zu zeichnen, also zu fragen: Was macht einen Mann eigentlich aus?

Die großen Themen Liebe, Eifersucht, Verlust kommen bei Munch immer wieder?
Langer: Ja, er war Wiederkäuer. Das ist für einen Schriftsteller ein gefundenes Fressen. Ich lasse ihn in meinem Buch im Hinblick auf die Entstehung der Bilder, die er gerade malt, wichtige Szenen seines Lebens, also auch seiner Kindheit und seiner Liebe zu dieser Frau, die ihn verließ, erinnern.

Kommen wir zum Munch-Bild, das jeder kennt, zum "Schrei".
Langer: Der verweist auch zurück in die Kinderzeit. Ganz am Anfang meines Buches gibt es eine Szene, in der er mit dem Vater eine Auseinandersetzung hat, wie er dann aus dem Haus läuft und in die Geschichte des Todes seiner Mutter wechselt, wie er da das fürchterliche Schreien in seinem Kopf, aber auch in der Landschaft wahrgenommen hat. Ich lasse dieses Motiv immer wieder zart auftauchen, zeige, dass es um einen Zustand geht, in dem er die innere Befindlichkeit in der Landschaft wiederfindet. Den Schrei fühlt er also in sich, der Schrei wird für ihn aber auch in der Natur sichtbar.

Munch geht hier weiter in die Abstraktion.
Langer: Ja, im letzten "Schrei"-Bild ist der Kopf nur noch stilisiert comicartig übriggeblieben. Ich möchte also mit meinem Buch anderen Menschen eine Tür zu einem Werk öffnen, das oft abgetan wird mit: Ja, es ist groß. Wir stehen davor, bewundern es, aber wir wissen gar nicht, worum es da geht. Ich will zeigen: Hinter diesen Bildern steckt ein Leben, da stecken Geschichten und Gedanken.

Im März kommt Ihr nächstes Buch heraus?
Langer: Ja, ein Roman, den ich mit dem Deutsch-Afghanen David Majed geschrieben habe, über einen jungen Mann, der nach zwanzig Jahren wieder in seine Heimat Kabul zurückkehrt und dort auf seinen Vater trifft, den er für tot gehalten hat.

Zur Person

Tanja Langer wurde 1962 in Wiesbaden geboren, studierte Vergleichende Literatur- und Politikwissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie. Sie arbeitet als Regisseurin, Fotografin und Schriftstellerin. Für die Oper "Kleist" von Rainer Rubbert schrieb sie das Libretto. 2011 kam ihr Kleist-Roman "Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit" heraus. 2013 folgte "Der Maler Munch". Tanja Langer ist Mitglied des deutschen P.E.N.

Info

Karten für die Lesung am Freitag, 14. Februar, ab 19.30 Uhr in der Parkbuchhandlung, Koblenzer Straße, für 10/5 Euro werden reserviert unter 0228/352191 oder per Email unter info@parkbuchhandlung.de.