"Candide"-Inszenierung in Bonn

Jubelwelle erfüllt Schauspielhaus zum Saisonstart

Bonn. Simon Solbergs inspirierte „Candide“-Inszenierung im Schauspielhaus begeistert das Publikum zum Saisonstart.

Das neue Bonner Schauspiel will den Menschen nahekommen. Und das geht so: Bevor sich der Vorhang im Schauspielhaus in Bad Godesberg hob, trat Jens Groß vors Publikum. Der Nachfolger von Nicola Bramkamp als Schauspieldirektor lud die Zuschauer nach der Aufführung von „Candide oder Der Optimismus“ (gegen 22.30 Uhr) zur Premierenfeier ein. Dabei sollte das Versprechen der Nähe auf fast schon altmodische Weise eingelöst werden.

Wie früher einmal in den Kammerspielen, stand zunächst die Mannschaft im Mittelpunkt. Die an der Produktion Beteiligten – Hospitanten und Assistenten, Souffleuse, Dramaturgin, Kostümbildnerin und Lichtregisseur, Schauspieler, Musiker und Regieteam – wurden von Groß und Generalintendant Bernhard Helmich auf die Bühne im Foyer gebeten, namentlich vorgestellt und vom dankbaren Publikum ein zweites Mal gefeiert.

Die erste Jubelwelle hatte den Theaterraum nach dem Ende von „Candide“ erfüllt. Regisseur Simon Solberg hat Voltaires philosophischen Roman aus dem Jahr 1759 in ein inspiriertes musikalisches Schauspiel verwandelt. Dem Text hat er seine Autonomie gelassen und gleichzeitig Anschauungsmaterial für die Gegenwart herausdestilliert.

„Candide“ ist Voltaires wichtigste literarische Hinterlassenschaft. Der vom Autor als „coïonnerie“ (trivialer Scherz) verniedlichte Roman hat nichts von seiner faltenlosen Frische verloren. In wunderbar ironischem Ton erzählt er die Geschichte des anfangs gutgläubigen Candide, der die These seines Lehrers Pangloss verinnerlicht hat, dass die Welt absolut gut sei und alles zwangsläufig zum besten Ende führen werde. Originalton Pangloss: „Il fallait dire que tout est au mieux.“

Großer Irrtum. Candide wird aus dem Paradies auf Erden (einem Schloss in Westfalen) vertrieben, weil er mit der jungen Kunigunde allzu vertraulich wurde. Was folgt, ist eine in viele Länder führende Lehr- und Leidensreise für den jungen Mann. Er landet in der bulgarischen Armee, wird Zeuge des Erdbebens von Lissabon 1755, überlebt ein Autodafé und lernt Krieg, Machtgier, Grausamkeit, Feigheit und Undank kennen. Er wird mit Krankheit, Schiffbruch, Diebstahl, Vergewaltigung und Mord konfrontiert – und mit Seeräubern und Kannibalen.

Voltaire stellt den Sinn des Lebens infrage

Der Aufklärer Voltaire – Autor des „Traité sur la Tolérance“ (1763) – erlaubt Zweifel am aufklärerischen Glauben an die Segnungen der Maschinenwelt und die Mündigkeit des Individuums. Er stellt den Sinn des Lebens infrage und die Rolle des Schöpfers. Pessimistisch, zynisch und skeptisch entlarvt er in ironischem Ton utopische Entwürfe und Heilslehren als Illusion. Den Leser entlässt er mit der dann wieder optimistischen Empfehlung Candides: „Wir müssen unseren Garten bebauen.“ In der Arbeit, soll das heißen, finden wir Lebenssinn und eine praktische Methode, um mit den Widrigkeiten der Welt und des Daseins umzugehen.

Solberg und sein Team eröffnen ihre „Candide“-Revue mit Bonsoir, Bienvenue und Musik: Willkommen im Cabaret Candide. Der exaltierte Beginn auf Solbergs und Franziska Harms Bühne in der Form eines Baumstumpfes darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Theaterleute von den düsteren Seiten des Textes angezogen sind. Er bietet Motive wie Vertreibung, Flüchtlingselend, Gewalt und Übergriffe kirchlicher Würdenträger sowie Material für Spitzen gegen heutige europäische Denk- und Verhaltensweisen. Sirko Lamprecht ist für die Lichtmagie zuständig. Er erschafft mithilfe von Discokugel und Bühnennebel den suggestiven, endzeitlich anmutenden Rahmen, in denen Voltaires Figuren sich bewegen.

Die Schauspieler agieren als Erzähler, Sänger und Akteure, als klassischer Chor, Tänzer, Pantomimen und venezianische Maskenspieler. Sie erscheinen vom ersten Augenblick an so präsent, als stünden sie schon seit Jahren auf der Bonner Bühne. Dabei sind sie, bis auf eine Ausnahme (Wilhelm Eilers) alle neu. Schlafwandlerisch sicher wechseln sie vom Voltaire-Sound in die Gegenwartssprache, kreieren Bühnenillusion, um sie gleich darauf zu dekonstruieren. Sie transportieren schwarzen Humor und echtes Pathos, schreiben szenische Poesie und setzen surreale Effekte. Stand-up-Comedy meistern sie auch.

Die Einzelteile erscheinen an diesem Abend nie als Selbstzweck, sondern verbinden sich zu einem schlüssigen Gesamtkunstwerk, das alle Sinne (und den Verstand) herausfordert. Wer Lust hat, kann zahlreiche Anspielungen, zum Beispiel auf Filme und unseren „local hero“ Beethoven, dechiffrieren.

Die Regie arbeitet Analogien zur Gegenwart und ihren Problemen mit Zurückhaltung heraus. Solberg hat Vertrauen in ein Publikum, das mitdenken kann. Daniel Stock als weiß geschminkter Candide ist unser Stellvertreter, der an seinen Erfahrungen irre zu werden droht, aber immer weitermacht. Das Schicksal von Kunigunde (Annika Schilling) lässt keine Resignation zu. Stocks Lamento am Ende angesichts von Ungleichheit, Kriegen und Ausbeutung kulminiert in einem Aufruf zu politischem Engagement. Voltaires „Il faut cultiver notre jardin“ weitergedacht: Aktion statt Arbeit. So ändern sich die Zeiten.

Wie ein Organismus aus Leitzordnern

Daniel Stock führt ein starkes Ensemble an. Annika Schilling als Kunigunde vollzieht die Wandlung vom koketten Mädchen zur vom Schicksal gebeutelten Frau. Annina Euling als Zofe und Paquette hat große, anrührende Auftritte als Opfer von physischer Gewalt. Deren Details gibt sie einmal, auf einer Schaukel sitzend, ans Publikum weiter.

Wilhelm Eilers ist in mehreren Rollen zu sehen: als salbadernder Philosoph Pangloss, als schmieriger Geistlicher und lüsterner Regierungsstatthalter. Den lässt Franziska Harm (Kostüme) auftreten wie einen Organismus aus Leitzordnern. Timo Kählert ist als Cacambo und Jakob eine den Bühnenraum füllende und das Publikum fesselnde Kraft. Christoph Gummert (Baron, Martin, Kaufmann und Späher) verkörpert mal Macho-Hochspannung, mal greinendes Weicheiertum.

Zum Gelingen der Aufführung tragen Gäste von der Alanus Hochschule bei: die Studenten des Fachbereichs Schauspiel Allessandro Grossi, Fabian Lichottka, Gerrit Maybaum und David-Joshua Meißner. Und dann gab’s ja noch die Live-Musik. Jann Marvin Beranek, Lukas Berg, Philip Breidenbach und Samuel Reissen rockten das Schauspielhaus beim Erdbeben von Lissabon, begleiteten Kunigunde mit einem zarten Motiv – und waren einfach eine Wucht. „Candide“: ein prima Start für das neue Bonner Schauspiel. So kommt es dem Publikum nahe.

Die nächsten Aufführungen.: 22. und 30. September; 5., 7., 10., 14., 20. und 27. Oktober. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.