Jonathan Meese inszeniert "Erzstaat Atlantisis" im Arp Museum

Zuckersüßes Schweine-Näschen - In erschreckender Harmlosigkeit präsentiert sich das Werk eines Bürgerschrecks

Bonn. Der Aufzug zum Meier-Bau sollte zur "vulkanischen Druckkammer" werden, am Ende des Turms "das absolut Neue" wie Lava herausbrechen. Nichts weniger als eine "Revolution des Erzkünstlers" am Rhein wurde versprochen, die Gründung des "Erzstaates Atlantisis" durch den Berliner Jonathan Meese in Rolandseck.

Das Arp Museum im Ausnahmezustand. Keine Angst, es kommt nicht so schlimm, und nach dem Eröffnungstamtam mit dem Kunstbetriebs-Star Meese und obligatem Hitler-Gruß sowie einer Rheinüberquerung als Performance wird wieder Ruhe einkehren. In erschreckender Harmlosigkeit präsentiert sich das Werk eines Bürgerschrecks, der am Ende des Tages, wenn nur noch seine Kunst spricht, keiner mehr ist.

Das frivole Spiel mit Symbolen der Nazis, mit Bildern von Hitler und Stalin, Siegfrieds Mörder Hagen von Tronje aus dem Nibelungenlied oder Robespierres Schlächter Saint Just nutzt sich ähnlich schnell ab wie der obsessive Einsatz von Penissen in allen Aggregatzuständen. Beides erzürnt übrigens heftigst Meeses Mama Brigitte, die irgendwie in fast jedem Kunstwerk auftaucht, "Johnnys" Anker im Leben ist und am 19. Mai zu "Mutter Meeses Märchenstunde" lädt.

Doch der Bub will nicht hören und macht weiter mit Gewalt und Porno: "Ich liebe Pornographie, gehe oft in Erotik-Shops, doch was ich dort sehe, ist nur Spielzeug", sagte er im Arp-Museum, das "wirklich Obszöne" sei woanders, zum Beispiel, wenn er sich im Spiegel sehe. Oder in der Politik. Als lebensgroße Bronze empfängt Meese im Piratengewand und mit herausgestreckter Zunge den Besucher, "Dr. No. Meesaint Just II Mein Ich, die Wahrheit", nennt der für seine barock-ausladende Titel-Lyrik bekannte Künstler die am oberen Ausgang des Aufzugs stehende Skulptur.

Unten, im Schacht, hat man die Gerippe einer dreiköpfigen "Demokratenfamilie" passiert und eine skulpturale Erschießung nebst Verlesung eines Meese-Manifests erlebt. "Demokratie", das ist Meeses Hasswort. Er verspricht eine "Diktatur der Kunst", die immer recht habe, doch, was wir sehen, ist die Diktatur des Kitsches. Zu Riesengemälde aufgeblasene Skizzen und Zeichnungen, uferlos-geschwätzige Wandbilder sind dabei. Außerdem ein Heer von Bronzefiguren, wild in Ton geknetete und dann gegossene Homunculi, aggressiv und bedrohlich die einen, von der putzigen Anmutung eines Gartenzwergs die anderen.

Sein Personal besteht aus "Soldaten" und Comicfiguren wie Flash Gordon, historische Gestalten wie Sokrates, Napoleon, Nietzsche oder van Gogh treten auf, "Mamma Johnny" und "Mutter Parzival" dürfen nicht fehlen. Die Bronzen lassen Meeses vorangegangene Auseinandersetzung mit Skulpturen anderer Künstler sowie den Kampf mit der Materie Ton erkennen, den er in einer Art Performance während des Herstellungsprozesses aufnahm; er drückte, zog und knetete das Material, baute fremde Fundstücke ein, ritzte Worte in den noch feuchten Untergrund.

Dabei entstanden durchaus interessante Wesen wie "Totaladler Babychef der Kunst (das Ei des Columbussy)" die monumentalen "Kämpfer" und "Kämpferin" oder das Ensemble "Blumenpot". Der 39-Jährige lässt martialische Wesen aus der eigenen Fantasy-Welt aufmarschieren, die aber wirken wie Aliens aus "Star-Wars" oder die Killerhorden aus "Herr der Ringe". Die lässt Meese als "Staatsballett" auftanzen, denn: "Die Atlantischen sind totale Spielkinder".

Womit wir beim eigentlichen Thema der Ausstellung wären, das sich aber nicht erschließt, mag der Kurator Daniel J. Schreiber auch Beuys und ein Atlantis-Modell zitieren und noch so sehr darauf bestehen, dass man mit dem Ausstieg aus dem Aufzug den "Erzstaat Atlantisis" betrete, einen "Freiraum, den wir mit unserer Vorstellung füllen - hier gibt es nur die Regeln der Kunst, die totale Regellosigkeit." Wollt ihr die totale Kunst?

Sechs engbeschriebene Seiten ist Meeses Manifest zum "Erzstaat" lang, das "totales Kuscheln" und die Aufhebung jeglicher Reglementierungen propagiert, von Atlantis als "zuckersüßestes Schweinenäschen" singt, die Diktatur der Kunst ausruft und am Ende von der tatsächlichen Herrschaft der Kunst handelt. Meese war dieser Herrschaft vor elf Jahren näher als heute: Bei der Berlin Biennale zeigte er seine mit Fundstücken und Fotos zugemüllte trashige Wunderkammer "Ahoi de Angst", von der in der Ausstellung ein Zitat zu sehen ist, eine Kulissenwand aus Leander Haußmanns Film "Sonnenallee". Da spielte Meese einen durchgeknallten Künstler. Das Werk des nahezu unbekannten Meese war damals noch großes Kino und packendes Drama, im Kunstbetrieb wurde eine Sex&Crime-Operette daraus.

InfoArp-Museum, Remagen-Rolandseck; bis 30 August. Di-So 11-18 Uhr.