Bundeskunsthalle Bonn

John Bock breitet seinen wirren Kosmos aus

Tatort Wohnzimmer: Kulisse für John Bocks Film in der Bundeskunsthalle.

BONN. Es gibt hier und da Warnhinweise für Besucher unter 16, es fließt viel (Theater-)Blut und dann und wann wird's eklig - man erlebt einiges beim Parcours durch John Bocks Ausstellung in der Bundeskunsthalle unter dem Titel "Im Modder der Summenmutation".

Und man wird bis Mitte Januar nicht darum herumkommen, immer wieder vorbeizuschauen. Denn es wird sich fortwährend etwas tun - dank der eigens aufgelegten John-Bock-Card sind die Kosten für mehrere Besuche überschaubar. Der Schleswig-Holsteinische Künstler (Jahrgang 1965) aus dem Nest Gribbohm bietet in seiner ersten umfassenden Retrospektive Theater, Varieté, Zirkus, große Oper, großes Kino.

Bock hat Gustav Peichls nüchternen Bundeskunsthallenkubus in eine Art Raritätenkabinett mit starkem Hang zur Geisterbahn verwandelt. Gute Nerven sind gefragt und gleichwohl auch ein feines Gespür für Zwischentöne und Anspielungen.

In den nächsten zehn Tagen entsteht mitten in der Ausstellung ein Spielfilm, ein griffiges Drama mit Mord und Totschlag, Schuld und Sühne, Eros und Geist. Die Besucher können dabei sein, wenn sich ein Filmteam und Schauspieler unter der Regie von John Bock von Set zu Set bewegen.

Der Künstler hat die Bühnen selbst gebaut, beziehungsweise aus früheren Aktionen und Installationen zusammengefügt. Die sich über mehrere Räume entwickelnde Kulisse ist das Kernstück und die unbedingt sehenswerte Hauptattraktion der Schau. Es gibt einen gleißend hellen existenzialistischen Raum, "die Beckett-Ionesco-White-Cube-Nummer", wie Bock das nennt, in dem Schauspieler vor der Kamera agieren werden.

Einige Schritte weiter öffnet sich ein riesiger Maschinenraum, der "Märchenraum". Dann steht da ein aufgesägter Volvo 850, mit einem Innenleben, das auf Unfall und Gewalt hindeutet. Auch hier hat Bock Cineastisches als Vergleich parat. Das sei ein "Tarantino-Ding" und erinnere an den Thriller "The Getaway" mit Steve McQueen: "Was man kennt und was man liebt."

Das nächste Filmset wird dominiert von einer blutüberströmten, verstümmelten Nackten auf einer Plastikplane. Eine Kerkerinstallation - "die Sartre Nummer" - und eine Ensemble mit allerlei bizarrem Getier - eine "Fellini-mäßige Mobile Partitur" - komplettierendiese Gruselkammer. Die mündet in den sogenannten Suggestionsraum, wo fünf riesige, sich drehende Scheiben mit aufgemalten Spiralen, den Besucher als Psycho-Wrack entlassen.

Spätestens hier hat man, sofern man zuvor auch noch Bocks "Analoges 3-D-Kino" und die zehn wirklich sehenswerten SplatterMafia-Krimi-Filme und Wissenschaftsdramen von "Im Schatten der Made" bis "Kreatürliche Unschuld" gesehen hat, die Orientierung im Bock'schen Kosmos verloren.

Da tritt ein Geschöpf wie Anja Löhr herbei, 23-jährige Kunsthistorikerin und Anglistin, eine von rund 15 Kunstvermittlerinnen in der Ausstellung, die den Kunstkompass wieder neu ausrichten, verständnisvoll meinen, "moderne Kunst ist nicht ganz einfach", und die nächsten Stationen des Filmsets erklären: Im "Sockenraum" erwarte den Besucher eine "verträumte Szene", im Landwirtschaftsraum unweit der Melkmaschine eine Begegnung mit dem Tod.

"Erst waltet die Unschuld, dann wird rumgeschlonzt", verspricht Bock seinerseits angesichts des "Sockenraums", der aus einen Gitter aus Socken besteht, in dem eine Aluminium-Figur (die Unschuld) gefangen ist. Ganz begeistert ist er von einem urdeutschen Wohnzimmer in extremer Schräglage, ein Bühnenbild wie für "Ein Herz und eine Seele", allerdings mit einer riesigen männlichen Leiche auf dem Teppich. "Das ist die göttliche Soap Opera des deutschen Wesens", schwärmt Bock. Auch auf diesem Set soll gedreht werden.

Wann der Film gezeigt wird, ist noch nicht bekannt. Bekannt sind Dutzende Termine für Performances, Lesungen und Vorträge, in denen Bocks wirrer Kunstkosmos aufgedröselt wird. Einen erläuternden, kritisch-wissenschaftlichen Katalog verweigert Bundeskunsthallen-Intendant Rein Wolfs, der mit Bocks schrillen Seifenoper seine Bonner Premiere hat, beharrlich. Ein 900-seitiges "Künstlerbuch" muss genügen. Reichen tut es nicht.

Info: Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 14; bis 12. Januar 2014. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr