Gedichte von Liebreiz und Sehnsucht

James-Joyce-Abend bei Böttgers Buchhandlung

James Joyce

Die Gedichte in der „Chamber Music“ zeigen die Gefühle des jungen James Joyce.

Bonn. Die beiden Autoren Alban Nikolai Herbst und Helmut Schulze präsentierten ihr gemeinsames Übersetzungswerk von James Joys "Chamber Music. Dabei sind ihre deutschen Versionen mitunter mehr Interpretation als Übersetzung.

Premiere in Alfred Böttgers Buchhandlung: Zwei Autoren stellen ihr gemeinsames Übersetzungswerk vor, von einander getrennt und doch zusammen. Alban Nikolai Herbst steht bei Böttger in der Thomas-Mann-Straße hinter einem Vortragspult, und Helmut Schulze sitzt hinter seinem Schreibtisch in einer ehemaligen Kardinalswohnung in dem umbrischen Dorf Amelia – via Skype ist er mit Bild und Ton zugeschaltet.

Sie stellen ihre Übersetzung der „Chamber Music“ vor, dem 1907 erschienenen Erstling von James Joyce (1882 bis 1941). Und das übrigens am Vorabend des Bloomsday. Herbst widmet sich währenddessen parallel einer Flasche Rotwein und beißt auf seiner E-Zigarette herum. Joyce, der später mit seinen Hauptwerken „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ Weltruhm erlangte, arbeitete als Privatlehrer in Triest, als er sich in seine 16-jährige Schülerin verliebte.

Die romantischen Gedichte in der „Chamber Music“ zeigen einen jungen Mann, der ein jugendlich poetisches Feuer entfacht. Die letzte Nachdichtung ins Deutsche hatte vor fast vier Jahrzehnten Hans Wollschläger besorgt. „Wir stellten fest, dass wir so verschiedene Ansätze haben, dass wir jeweils eine komplette Übersetzung vorlegen wollten und uns auch gegenseitig lektorierten“, erklärt Herbst die Entstehungsgeschichte zu einer Arbeit, die sich über vier Jahre hinzog.

Mehr Interpretation als reine Übersetzung

Die 36 Gedichte der „Chamber Music“ sind von betörendem Liebreiz und glühender Sehnsucht durchdrungen. Auf den linken Seiten der Arco-Ausgabe sind Joyces englische Originale gedruckt, auf den gegenüberliegenden Seiten finden sich die beiden eigenständigen Übersetzungen von Herbst und Schulze. Dass sie ihre Arbeit weniger als Übersetzung denn als Interpretation begreifen, wird ohne Unterlass deutlich.

An vielen Stellen ist das durchaus erfrischend, in anderen Versen wirken die neuen Nachdichtungen eher gespreizt und bemüht. Ärgerlich wird es bisweilen auch – wenn etwa Herbst im siebenten Gedicht Joyces „My love“ durch „Mein Schätzerl“ ersetzt. „Neue Gedichte aus einer alten Erde“, nennt der Verlag das. In jedem Fall ist Herbst beizupflichten, wenn er resümiert: „Man sollte den jungen Joyce nicht unterschätzen.“

James Joyce: Chamber Music/Kammermusik. Nachdichtungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst. Arco, 88 Seiten, 20 Euro.