Jüdische Lieder von der Klage bis zum Schlager

Bente Kahan im Beethovenhaus in Bonn

Bonn. Überall fremd, nirgends zuhause. Bündiger lässt sich das Schicksal des Judentums seit der Zerstörung des Tempels nicht beschreiben. Falscher wohl auch nicht. Denn die Diaspora hat allenthalben neue jüdische Kulturen ausgeformt.

Wie lebendig sie noch heute sind, bewies Bente Kahan jetzt im Beethovenhaus. Mit geschmeidiger, ausdruckstiefer Stimme vereinte die norwegisch-jüdische Sängerin in ihrem neuen Programm "Home" Lieder europäischer Juden, für die jede Flucht ein neues Zuhause, jede Vertreibung eine neue Heimat erzwang.

Von alldem weiß auch Bente Kahan zu erzählen, die an diesem Abend die halbe Geschichte Europas vergegenwärtigt. Sie wurzelt in diesem Fall im Anadulusien des goldenen Zeitalters, strahlt dann in die Weiten Osteuropas, droht in Auschwitz zu enden, aber geht weiter, immer weiter.

In sensiblen, wachen Arrangements lässt sie Länder und Kulturen hörbar werden. Das gilt etwa für "Cuando El Rey Nimrod", ein Lied der sephardischen Juden, das schwerblütg und Flamenco-knisternd an die große Zeit des Spaniolischen erinnert. Der unverwechselbare jüdische Gebetston war in der Friedensbitte ("Ani Ma''amin") zu erleben, die Großvater Kahan komponiert hat. Das war im übrigen nichts Außergewöhnliches: Man schrieb liturgische Gesänge für die Synagoge und Märsche für die k.u.k. Armee. Keine fünfzig Jahre später war alles anders.

Benthe Kahan ergeht sich an diesem dunkelsten Punkt der jüdischen Geschichte nicht in Anklage und Schuldzuweisung. Sie richtet nicht, sondern sie singt, und zwar Ilse Webers "Brief an mein Kind" aus Theresienstadt. Die Wahrheit liegt im Unaufgeregten. Zu dieser Wahrheit gehört dann auch die andere Seite der jüdischen Geschichte.

Die fröhlichen, ausgelassenen Feste des osteuropäischen Landjudentums etwa, die Schlager der zwanziger Jahre, das sprühende jiddische Lied "Yas", stimmakrobatisch bezwungen von Benthe Kahan, erfrischend gefiddelt von Miroslav Kuzniak und akkordeonbewirbelt von Dariusz Swinoga.