Interview mit Nike Wagner

"In Zeiten der Krise braucht man Helfer"

04.04.2014 BONN. Nike Wagner ist seit Anfang des Jahres Intendantin des Bonner Beethovenfestes. In der vergangenen Woche präsentierte sie das Programm. Über ihre Pläne und ihr Verhältnis zur Beethovenstadt spricht Nike Wagner im Interview.

Was das nächste Beethovenfest angeht, leben Sie ja noch im Haus Ihrer Vorgängerin Ilona Schmiel, die es organisiert hat. Sind Sie in Bonn angekommen?
Wagner: Es gibt ja den Bahnhof und den Flughafen: Ja, ich bin angekommen. Seither tue ich alles, um die Bonner Gesellschaft und Geistesart kennenzulernen - nehme jeden Termin wahr, knüpfe Bekanntschaften, besuche Konzerte, Oper, Theater. Ich war vorher nie in Bonn und nur ganz selten im Rheinland - muss aber doch wissen, wo ich bin und für wen ich das Beethovenfest gestalten soll.

Wohnen Sie schon in Bonn?
Wagner: Ja, ich habe eine schöne Wohnung gefunden und die Umzugsmühen sind halbwegs bewältigt. Jetzt kann ich mich der Erforschung der Stadt widmen - ihrer Geschichte und Kultur. Mich interessiert, wie diese - einerseits verwöhnte, andrerseits zerklüftete - Kulturlandschaft entstanden ist. Auffallend sind die vielen sehr engagierten bürgerschaftlichen Initiativen!

Sie waren lange Leiterin des "Pèlerinages" Kunstfestes Weimar. Was ist dort signifikant anders als hier, auch in der Mentalität der Menschen?
Wagner: Es ist alles anders - vollkommen anders. Nirgendwo in Deutschland ist der Länder-Unterschied größer als zwischen dem postsozialistischen Osten und dem idyllischen rheinischen West-Stück. Natürlich hat das kulturelle und geschichtliche Gründe, aber die haben auch die Mentalität geprägt. In Thüringen ist man zurückhaltend und schwer zu gewinnen, dann aber entdeckt man Juwelen und gewinnt gute Freunde. So richtig "heimisch" gefühlt habe ich mich in Weimar wohl nie, aber die Stadt wächst einem zu; und dabei hat mir meine Herkunft aus der Literatur - ich bin von Haus aus Germanistin - geholfen. Der "Mythos Weimar" wirkt einfach. Nach Weimar zu kommen und den Mythos mit der Realität abzugleichen, hatte seine großen Reize. Von daher war bei mir eine starke Identifikation mit dieser Stadt gegeben, durch alle Schwierigkeiten politischer oder provinzieller Art hindurch.

Und Franz Liszt, ihr Ur-Ur-Großvater, hat dort ja auch gewirkt.
Wagner: Ja, etwas Besseres hätte mir gar nicht passieren können! Da tat sich auch ein fruchtbares Spannungsfeld zur Nachbarstadt Bayreuth auf... Nach Bonn bin ich aber nicht wegen eines "Mythos" gekommen, sondern ganz einfach wegen Beethoven. Die Verbundenheit von Bonn mit Beethoven ist aber offenkundig nicht dieselbe wie die von Goethe mit Weimar. Das Beethoven-Haus stand einmal vor dem Abriss, das Beethovenfest wurde immer mal lange unterbrochen.

Woran liegt das?
Wagner: Die Bonner hätten sich mindestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem "großen Sohn" identifizieren müssen; eine innere Beziehung muss lange wachsen. Dann würde man Bonn auch von außen stärker mit Beethoven identifizieren - und die Vermarktung liefe heute wie geschmiert. Salzburg hat das besser gemacht.

Was ist Bonn für Sie?
Wagner: Für mich ist Bonn assoziiert mit Schwarz-Weiß-Fernsehen, Adenauer und Erhard-Zigarre. Das ist lange her. Heute interessiert mich, wie die Stadt mit dem Abzug des größten Teils der Bundesregierung umgeht. Manche sagen, Gottseidank, das hat der Stadt lebendige Impulse gegeben, internationale Organisationen und Dax-Unternehmen sind hier hingezogen, die Stadt sei jünger geworden, besinne sich auf ihre Eigenverantwortlichkeit. Kann aber auch sein, dass die Bonner noch immer traumatisiert sind, weil man ihnen ihre Identität weggenommen hat. Ich kann das nicht beantworten, aber all solche Dinge sind wichtig für das Beethovenfest. Wie platziert man sich in diesem mentalen Raum? Auf welche Bedürfnisse trifft man?

Wie sehen Sie das Beethovenfest?
Wagner: Was ich nicht ganz verstehe: Es ist ein sehr erfolgreiches Fest, aber trotz seiner internationalen Top-Künstler besitzt es nicht wirklich internationale Ausstrahlung. Das Publikum ist hauptsächlich regional und die Pressereaktionen auch. Vielleicht ist das ja auch gut so! Ich denke aber, dass man durch pointierte Programmgestaltung, Projektentwicklungen und Uraufführungen da etwas verändern kann.

Würde es helfen, die Zahl des internationalen Publikums zu erhöhen, wenn Bonn ein Festspielhaus als zentralen Veranstaltungsort anstelle der Beethovenhalle hätte?
Wagner: Es gibt den "Bilbao"-Effekt durch städtebauliche Akzente und solche Effekte kann man sich im Zusammenhang mit dem neuen Festspielhaus für Bonn auch vorstellen. Das würde zweifellos internationale Aufmerksamkeit erregen - vor allem im Hinblick auf 2020. Freilich darf man bei einem solchen Neubau nicht von außen nach innen denken - wie es auch hochberühmte Architekten tun - sondern von innen nach außen: Innen spielt die Musik! Und die Bedürfnisse der Musik müssen sich ihr Gehäuse schaffen. Da hatte Richard Wagner schon recht.

Können Sie mit der Veröffentlichung Ihrer Bezüge von 130.000 Euro pro Jahr leben?
Wagner: Selbstverständlich müssen die Bezüge transparent sein, wenn man mit öffentlichen Geldern arbeitet.

Franz Liszt ist ja einer der Gründer des ersten Beethovenfestes. Der wirkliche Erfinder der Festspielidee aber war ja eher Richard Wagner. Was hat speziell für Sie von seiner Festspielidee heute noch Bestand?
Wagner: Da müssen wir aufpassen: Das Konzept von Wagner ist nur auf Wagner zugeschnitten. Grandios, auch vom Marketingtechnischen her gesehen - ein Festspielhaus auf einsamem Hügel und nur die Werke eines einzigen Komponisten. Das sind die unübertroffenen Alleinstellungsmerkmale von Bayreuth. Ähnliche Merkmale sucht heutzutage jeder Festspiel-Veranstalter. Was mir aber viel besser gefällt als das Wagnersche Konzept sind die Festivals, die Franz Liszt begründet hat. Weimar wurde unter seiner Leitung zum Zentrum der internationalen neuen Musik und er hat auch schon von einer Biennale aller Kunst-Sparten geträumt. So etwas in einem - auch zu seiner Zeit - kleinen, verschlafenen Städtchen zu realisieren, ist zukunftsweisend geworden. Wagners Festspielkonzept ist geschlossen, monoman und kultisch; das Lisztsche hingegen offen, demokratisch und auf Neues aus.

Maßgebend für uns heute und für Beethoven?
Wagner: Durchaus. Beethoven war ja ein energetischer, revolutionärer Geist. Und diesem sollten wir gerecht werden. Schön für mich ist, dass beide, Wagner wie Liszt, ihren Ludwig so liebten.

Gibt's heute nicht ein paar Festivals zu viel?
Wagner: Ja und nein. Ich finde es schön, wenn es viele Festivals gibt; Festivals sollen die Menschen herausholen aus dem Alltäglichen. Die "Festivalitis" hat nur einen Haken: Hier geht es auch um öffentliche Gelder, und hier werden sie oft lieber investiert, weil der schnelle Effekt größer ist als beim stillen Erhalt der bestehenden und ruhenden Kultur-Institutionen, seien es unsere Museen, Opern- und Theater-Häuser oder Bibliotheken. Politiker denken gern kurzfristig.

Sehen Sie die Gefahr dieser Konkurrenzsituation auch für Bonn?
Wagner: Die 1,6 Millionen Euro, die das Beethovenfest von der Stadt erhält, sind nicht die Welt. Was ich deshalb in Bonn versuchen möchte, ist, auf einen engeren Zusammenschluss der Institutionen hinzuwirken. Da gibt es die Oper, das Beethoven-Haus, das Beethoven Orchester. Es wäre gut, wenn alle, die mit Beethoven zu tun haben, eine Art Beethoven-Komplex bildeten.

Gibt es da erste konkrete Gespräche?
Wagner: Ja, zunächst mit dem Schauspiel und der Oper. Ich bin zum Beispiel sehr gern auf den Vorschlag der Theaterdirektorin Nicola Bramkamp eingegangen, auf dem Gelände der Halle Beuel, den spartenübergreifenden theatralen Kongress "Save the World" zu inszenieren. Ich mag die Halle Beuel sehr; wir wollen sie auch zukünftig als Aufführungsort nutzen.

Ein neuer Spielort für das Beethovenfest?
Wagner: Ja, Gott sei Dank, wenigstens ein experimentelles Gelände! Wenn Sie bedenken, welche tollen Spielstätten die Ruhrtriennale besitzt! Die Halle Beuel ist ein schöner, beweglicher Ort, den man außen und innen frei gestalten kann.

Werden Sie von den Sponsoren des Beethovenfestes mit offenen Armen empfangen?
Wagner: Noch bewege ich mich vorsichtig in den Spuren von Ilona Schmiel und bewundere ihre geradezu legendäre Effizienz in diesen Dingen. Ich suche aber schon nach neuen Quellen, würde gern einen überregionalen Förderverein ins Leben rufen. In Zeiten der Krise - noch sind sie nicht vorbei - braucht man viele Helfer und Netzwerke, sonst gerät mit den schwankenden Konjunkturen auch das Beethovenfest ins Schlingern.

Wann rechnen Sie mit einer Gründung?
Wagner: Ich bin schon dabei, aus der Absichtserklärung Realität werden zu lassen. Mit Blick auf 2020 sollte man schon etwas Bonn-Idealismus und Beethoven-Investment auslösen können.

Sie hatten ein enges Verhältnis zu dem kürzlich verstorbenen Gerard Mortier, der die Salzburger Festspiele nach Karajan prägte und Gründungsintendant der Ruhrtriennale war. Inwiefern hat er Sie inspiriert?
Wagner: Er war einfach großartig. Das Salzburg Karajans war in Erstarrung geraten, da erschien Mortier wie eine Lichtgestalt. Er hat die Festspiele mit neuem Geist erfüllt, neue, stringente Konzepte entworfen. Das war sowohl gegen die Politik wie gegen das sehr konservative Publikum schwer durchzusetzen. Der Erfolg aber gab ihm Recht. Auch das, was er der Ruhrtriennale gebracht hat, war fantastisch. Wir kannten uns aus Salzburg und als ich in Not war - es ging um die Nachfolge in Bayreuth - war er bereit, mit mir zu kandidieren. Obwohl er wirklich kein "Wagnerianer" war und obwohl er wusste, dass unsere Gewinnchancen gleich Null standen - die Weichen waren längst anders gestellt. Es ging ihm um die Sache, nicht um seine Person - und eine solche Haltung können Sie suchen im Kulturbetrieb!

Zur Person

Die in Bayreuth aufgewachsene Nike Wagner (68) ist Ur-Ur-Enkelin des Komponisten Franz Liszt, Urenkelin von Richard Wagner und Tochter Wieland Wagners. Sie studierte Musik-, Theater- und Literaturwissenschaft in Berlin, Chicago, Paris und Wien. Seit 1975 arbeitet Nike Wagner als freiberufliche Kulturwissenschaftlerin und wirkt an internationalen Symposien und Kolloquien mit. Von 2004 bis 2013 war sie künstlerische Leiterin des "Pèlerinages" Kunstfestes in Weimar. Intendantin des Beethovenfest ist Nike Wagner seit 2014. (Bernhard Hartmann)