Highlights des Internationalen Tanzes

Hommage an Maurice Béjart

Tanz mit Spitzenschuhen (auf dem Kopf): Szene aus Gil Romans Béjart-Hommage „t’M et variations“.

Tanz mit Spitzenschuhen (auf dem Kopf): Szene aus Gil Romans Béjart-Hommage „t’M et variations“.

Bonn. Liebesbrief an einen Großen: Umjubelter Auftritt des Béjart Ballet Lausanne im Bonner Opernhaus.

Wenn der prägende Kopf einer Tanzkompanie stirbt, kann sich das Weiterleben für die Hinterbliebenen als sehr schwierig erweisen. Wie schafft man die Gratwanderung zwischen dem Bewahren der Tradition einerseits und der Innovation andererseits, wofür Künstler von Rang immer auch stehen? Für das Béjart Ballet Lausanne (BBL) war es ein Glücksfall, dass Ensemblegründer Maurice Béjart vor seinem Tod 2007 bereits seinen damaligen Startänzer und Stellvertreter Gil Roman zum Nachfolger bestimmt hatte. Dass Roman das Erbe des legendären französischen Choreografen pflegt und auch im Sinne Béjarts fortführt, konnte man jetzt an zwei vom Publikum gefeierten Abenden bei den „Highlights des Internationalen Tanzes“ in der Bonner Oper erleben.

Die knapp 30 Tänzerinnen und Tänzer des BBL brachten ein zweiteiliges Jubiläumsprogramm mit nach Bonn, mit dem sie 2017 nicht nur das 30-jährige Bestehen des Ensembles an seinem Standort im Schweizerischen Lausanne feierten, sondern auch den 90. Geburtstag und zehnten Todestag des Gründers würdigten. Der erste Teil des mehr zweieinhalbstündigen Abends war denn auch eine Hommage, die Roman selbst kreiert hat. Sie trägt den Titel „t’M et variations“ und ist eine Art Liebesbrief des Choreografen an Béjart.

Die Musik kommt von Nick Cave und Warren Ellis

Tatsächlich sind die Bewegung und das Geräusch des Schreibens ein zentrales Motiv in dem episodenreichen Stück. Während aus den Lautsprechern metallisch-meditative Klänge dringen, die Nick Cave und Warren Ellis für den Film „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ geschrieben haben, hört man immer mal wieder das Schweizer Duo „Citypercussion“ mit Thierry Hochstätter und jB Meier diverse Schlaginstrumente bedienen, darunter ein Scribophone, mit dem sie Schreibgeräusche imitieren. Nicht selten reagieren die Tänzer unmittelbar gestisch darauf, was deutlich macht, dass in „Choreografie“ eben auch das griechische Wort „graphein“ für „schreiben“ steckt. In den einzelnen Episoden zeigen die extrem durchtrainierten und athletischen Tänzerinnen und Tänzer ihr immenses Bewegungsrepertoire, das in seiner Detailfreude und im Ausdruck sehr bewusst an Béjart erinnert. Die Tänzer kommen allein, zu zweit oder in größeren Gruppen auf die Bühne und geben wunderbare, meist sehr virtuose Miniaturen zum Besten. Die schlichten Kostüme erinnern eher an Training als an eine Galaaufführung. Bewundernswert, mit welcher Grazie sie über die Bühne schweben, als gäbe es keine Schwerkraft. Aber auch Gewalt ist ein Thema, wenn ein Tänzer nach einer donnernden Ohrfeige zu Boden geht.

Imposantes Schlagwerkpodest

Getanzt wird gern barfuß, in einer Szene aber tragen die Frauen zu hellen Kitteln jeweils einen Spitzenschuh auf dem Kopf, lassen ihn auch mal elegant auf den Unterarmen tanzen. Witzig. Ein anderes Mal zieht eine Tänzerin in einem Solo ihre Schuhe über die Hände. Dann wieder treiben martialisch-explosive Klänge vom beeindruckend imposanten Schlagwerkpodest ein Paar zu physischer Höchstleistung an. Am Ende treten die Schlagzeuger nach vorn, markieren weiter Schreibbewegungen, wozu sich dann das Ensemble gesellt. Ein charmanter Schluss.

Nach der Pause steht dann Béjart im Fokus. In „Béjart fête Maurice“ präsentieren sie zehn Highlights aus dem reichen Fundus des Choreografen, die zum Teil lange vergessen waren und für das Jubiläumsprogramm rekonstruiert wurden. Nach dem Episodentanz nun also das Potpourri, das aber so liebevoll und virtuos präsentiert wurde, dass die zahlreichen Brüche, in denen etwa auf einem Stück nach Musik aus dem Finale der ersten Sinfonie Beethovens mit „Héliogabale“ ein wildes archaisches Liebesspiel zweier Paare folgt, nicht stören. Die Choreografien sind eine Reise durch Zeit, Raum und Stile. Am Ende geht es ganz klassisch zu, wenn zunächst ein Pas de deux zum Adagio aus Beethovens neunter Sinfonie zu sehen ist, dem sich dann immer mehr Paare anschließen. Bis am Ende die Figuren aus den vorangegangenen Stücken wie in einem Déjà-vu wieder zurück auf die Bühne finden. Ein hinreißendes Bild.