Chef der Klassischen Philharmonie Bonn

Heribert Beissel wird 80 - Bruckner zum Geburtstag

Temperamentvoller Dirigierstil: Heribert Beissel im Konzert.

Bonn. Wer seinen 80. Geburtstag freiwillig am Arbeitsplatz verbringt, muss seinen Beruf wirklich sehr lieben. Heribert Beissel ist so jemand. Der Dirigent wird diesen besonderen Mittwoch zum Anlass nehmen, nicht nur das Champagner-Glas in die Hand nehmen, sondern auch den Taktstock.

An diesem Abend dirigiert der am 27. März 1933 in Wesel geborene Musiker in der Beethovenhalle bei einem Festkonzert sein erklärtes Lieblingsprogramm: Joseph Haydns Missa B-Dur Hob. XXII:14 und die siebte Sinfonie von Anton Bruckner. Es spielt die Klassische Philharmonie Bonn, ein Orchester, das Beissel vor mehr als einem halben Jahrhundert als Chur Cölnisches Orchester gründete und dessen einziger Dirigent er bis heute geblieben ist.

Seinem Orchester lebt Beissel die Leidenschaft für die Musik vor. Und die ist nicht allein an dem temperamentvollen Dirigierstil abzulesen, den er sich bis heute bewahrt hat, sondern auch an der Akribie, mit der Beissel jede Probe, jedes Konzert bis ins kleinste Detail vorbereitet.

Er selbst versteht die Klassische Philharmonie als eine Art Orchester-Akademie. Hier kommen junge, hochbegabte Musiker zusammen, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben und eine oftmals glänzende Musiker-Karriere vor sich haben. In vielen großen Orchestern Deutschlands sitzen Geiger oder Bläser, die unter Heribert Beissel ihre ersten Erfahrungen in einem professionellen Orchester sammeln konnten. Sie profitieren davon, dass sie mit jedem einstudierten Programm auf große Tournee durch einige der schönsten Konzertsäle Deutschlands gehen.

In insgesamt elf Großstädten, darunter Berlin, Hamburg und München, kann man als Abonnent Beissels 1986 ins Leben gerufene "Wiener Klassik"-Reihe buchen. Ein besserer Weg, Spielpraxis in einem Orchester zu gewinnen, ist kaum vorstellbar. Und der Erfolg beim Publikum ist überall, wo sie spielen, groß.

Beissel hat im Laufe seiner Karriere immer wieder ein waches Gespür für junge Talente bewiesen. Und die zeigen sich dankbar. Wie etwa die Klarinettistin Sabine Meyer, die den 80. Geburtstag Beissels zum Anlass nimmt, mit ihm gemeinsam Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert Nr. 1 in f-Moll aufzuführen. Dass dieses Konzert am 16. September im Rahmen und auf Einladung des Beethovenfestes stattfinden wird, ist eine weitere Ehrung für Beissel, der die Acht vor der Null eher gelassen sieht. "Nur Schildkröten und Dirigenten haben das Glück, so entspannt alt zu werden", scherzte er kürzlich.

Auch wenn Beissel eine besonders enge Beziehung zu Bonn pflegt, wo er nicht nur in der "Wiener Klassik"-Reihe in der Beethovenhalle und bei den Konzerten des Chur Cölnischen Chores Präsenz zeigt, sondern auch mit weiteren Konzertreihen im Poppelsdorfer Schloss, in der Kleinen Beet-hovenhalle und viele, viele Jahre in der Redoute, ist er seit Jahrzehnten auch überregional bei anderen Orchestern gefragt. Dirigiert hat er in Tokio ebenso wie in Buenos Aires, aber auch bei großen Festivals wie den Bregenzer Festspielen und dem Schleswig-Holstein Musikfestival.

Beissel, der bei dem großen Günter Wand in Köln sein künstlerisches Handwerk als Dirigent erlernte und außerdem bei Frank Martin Komposition studierte, begann in Bonn seine Karriere als Operndirigent. Bereits 1971 übernahm er die Position als Chefdirigent an der Spitze der Hamburger Symphoniker, die er bis 1986 innehielt. In dieser Zeit hat er auch wiederholt eng mit der Hamburgischen Staatsoper und vor allem mit dem legendären Ballettchef John Neumeier zusammengearbeitet.

Für Heribert Beissel markierte die politische Wende nach dem Zusammenbruch der DDR auch einen künstlerischen Schwerpunktwechsel. Bereits 1991 wurde er Chef des Philharmonischen Staatsorchesters Halle, dem er bis 1999 in dieser Position verbunden blieb. Danach verpflichtete ihn das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder ab der Saison 2001/02 als Generalmusikdirektor. Beissel blieb bis 2006 und wurde anschließend zum Ehrendirigenten ernannt. Und auch im Osten vergaß er den Nachwuchs nicht: So ist er Mitbegründer und künstlerischer Leiter des Landesjugendorchesters Sachsen-Anhalt.

Beissel hat im Laufe seiner langen Karriere zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zusammen mit den Hamburger Symphonikern ist er Träger der Brahms-Medaille der Stadt Hamburg. Halle verlieh ihm den Ehrenbecher, außerdem ist er Kultursenator des Landes Sachsen-Anhalt und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

Der Dirigent ist jemand, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält. Auch kulturpolitisch nicht. In den vergangenen Jahren war der in Remagen lebende Musiker einer der engagiertesten Verteidiger der Beethovenhalle, als deren Abriss zugunsten eines neuen Festspielhauses diskutiert wurde.

Die Klassische Philharmonie Bonn habe durch regelmäßige Konzerte in den elf größten Konzertsälen Deutschlands die besten Vergleichsmöglichkeiten mit der Bonner Beethovenhalle und dadurch eine fundierte Beurteilungskompetenz, befand er etwa. "Im Vergleich zum Idealfall der Hamburger Musikhalle haben andere Säle, wie zum Beispiel der Gasteig in München größere akustische Mängel vorzuweisen als die Bonner Beethovenhalle." Wie dem auch sei, es lohnt sich auf jeden Fall am Mittwochabend genau hinzuhören, wenn er die lichte Musik Haydns dirigiert und dann das schwere Bruckner-Geschütz.