Johanna Superstar

Heldin aus der Provinz

Eva Wiedemann in "Die Jungfrau von Orléans".

Eva Wiedemann in "Die Jungfrau von Orléans".

Bonn. Drama in Rückblenden: "Die Jungfrau von Orléans" im Kleinen Theater.

Wie in Jean Anouilhs Drama "Jeanne oder die Lerche" (1953) ist gleich am Anfang klar, dass hier Theater gespielt wird. Die Spieler schlüpfen in ihre Rollen, der Prozess gegen Johanna kann beginnen.

Der Scheiterhaufen ist schon aufgebaut, denn die Engländer wollen das Mädchen brennen sehen, das sie an der Spitze des französischen Heeres vor Orléans geschlagen hat. "Come to the story", mahnt der ungeduldige Graf Warwick. Schließlich haben die Briten viel Geld bezahlt, damit die französische Kriegsheldin von der katholischen Kirche als Ketzerin verurteilt wird.

Die Geschichte der Jeanne d'Arc wird in Rückblenden erzählt. Regisseur Rolf Heiermann hat eine eigene Bühnenfassung des Stoffes sehr frei nach Friedrich Schillers romantischer Tragödie "Die Jungfrau von Orleans" (1801) erstellt. Der Prolog kommt zur Schilderung der Hintergründe recht ausführlich vor, auch sonst mischen sich gelegentlich die klassischen Blankverse ein.

Doch schon bei Johannas großem Monolog "Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften", schneidet Warwick (Wolf-Guido Grasenick als nüchterner Beobachter), ihr nach zwei Zeilen das Wort ab. Der Gerichtsvorsitzende Bischof Cauchon (Lorenz Schirren als Kirchenfürst im feuerroten Gewand) windet sich zwischen religiösem Fundamentalismus und Politik.

In der Ausstattung von Anita Rask-Nielsen werden im Hintergrund dauernd Schiebetüren geöffnet und geschlossen, um das Öffentliche und das Geheime zu trennen. Das zehnköpfige Ensemble hat eine Menge zu tun, um mit Brettern und hölzernen Würfeln die schnell wechselnden Schauplätze zu markieren.

In diesem Verhandlungstheater bewegt sich völlig unbeirrt Eva Wiedemann als Jungfrau Johanna. Ein naives Mädchen aus der lothringischen Provinz, das ohne jeden Zweifel den Stimmen vom Himmel vertraut und ihre große Aufgabe, Frankreich zu retten, als göttlichen Befehl begreift.

Den Helm, der ihr nicht ganz zufällig zuteil wird, versteht sie als heiliges Zeichen. Mit ihrer listigen Eloquenz übertölpelt sie den zudringlichen Beaudricourt (Werner Schwarz). Mit ihrem merkwürdigen Wissen fasziniert sie den Edelmann Novelopont (Nikolas Knauf). Und sie überzeugt den schwächlichen Dauphin Charles (Frank Musekamp), dass man Angst zwar haben, aber nicht zeigen dürfe.

Selbst dessen brav-blonde Maitresse Agnes Sorel (Fabienne Hesse) huldigt der Heldin. Johanna Superstar mit Popmusik im Hintergrund (die Großes-Kino-Tonspur der Inszenierung ist ein wenig zu aufdringlich) hat's geschafft und stand als Siegerin mit Schwert und Fahne in voller Rüstung auf dem Schlachtfeld, um Frieden zu schaffen.

Der frisch gekrönte König geht mit seinem Gefolge feiern, während Johanna gefangen genommen wird. Mit beharrlicher Glaubenssicherheit behauptet sie sich gegen den Inquisitor (Gerhard Fehn), den Erzbischof (Heiko Haynert) und den Ankläger (Stefan Krause). Im zweiten Teil der Aufführung werden auch Dokumente aus dem historischen Prozess in Rouen zitiert.

Wirklich berührt Wiedemanns Johanna als verletzliche junge Frau, die ihre Männerkleidung braucht, um sich gegen die brutalen Vergewaltigungsversuche im Kerker zu wehren. Auf dem Folterbett kapituliert jedoch selbst die starke Kämpferin.

Hilft nichts mehr: Ihr grausamer Flammentod ist von den Machthabern aus Kirche und Politik längst beschlossen. Das große Ensemble überzeugte in zahlreichen weiteren Rollen und wurde mit entsprechendem Premierenbeifall belohnt. Die gelungene, inklusive Pause etwa zweistündige Vorstellung ist auch für Literaturkurse an Schulen bestens geeignet.

Nächste Aufführungen bis zum 4.10. täglich um 20 Uhr, weitere Vorstellungen vom 17.10. bis 1.11. Tickets unter Tel. 0228/362839, Infos unter www.kleinestheater-badgodesberg.de