Ausstellung in Bonn

Haus der Geschichte zeigt "German Angst"

Eine Mitarbeiterin des Hauses der Geschichte betrachtet ein das Model eines Karnevalswagen mit dem Motiv Flüchtlingswelle.

Eine Mitarbeiterin des Hauses der Geschichte betrachtet ein das Model eines Karnevalswagen mit dem Motiv Flüchtlingswelle.

09.10.2018 BONN. Befürchten Deutsche immer gleich das Schlimmste, neigen sie zu Panikattacken? Eine Ausstellung im Haus der Geschichte untersucht das Phänomen der „German Angst“. Und relativiert dabei manche aktuelle Debatte.

„German Angst“ - das ist im Ausland ein feststehender Begriff. Wie angstbehaftet Deutsche sind, zeigt sich für Niederländer schon darin, dass sie mit Helm Fahrrad fahren. Sie befürchten eben immer gleich das Schlimmste, heißt es dann schnell. Eine neue Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn geht diesem Phänomen jetzt auf den Grund. 

Die „German Angst“ wird für gewöhnlich auf die traumatische erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgeführt. Erst der Erste Weltkrieg, dann die große Inflation, die bis 1923 die Ersparnisse der Deutschen vernichtete, und schließlich der komplette, auch moralische Ruin durch Nazizeit, Holocaust und Zweiten Weltkrieg. Diese Katastrophen führten zu einem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis.

Angela Merkels „Wir schaffen das“ tönt in Bonn aus den Lautsprechern, dazu sieht man ein Modell für einen Düsseldorfer Karnevalswagen: Die Kanzlerin wird von einer „Flüchtlingswelle“ mitgerissen. In einer Vitrine liegt eine „Safeshort“: Zieht man diese Unterhose gewaltsam herunter, ertönt eine eingebaute Sirene. Die Werbung dazu arbeitet mit Schlüsselbegriffen wie „Kölner Silvesternacht“ und „Übergriffe“.

Wenn die Ausstellung eines deutlich macht, dann, dass vieles schon mal da war. „Angst hat die Deutschen gepackt, Angst vor den Fremden“, schrieb ein Magazin nach einem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen - nicht 2015, sondern 1992. Damals flohen viele Menschen vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien. Deutschland war im Bann von Begriffen wie „Flut“, „Welle“, „Strom“.

Medien kommen in der Ausstellung nicht gut weg

Lauter Glatzköpfe mit aufgedrucktem Strichcode - so warnt ein Foto vor „Totalerfassung“ - im Jahr 1983, als gerade der Computer aufkam. Zur selben Zeit versetzte die Vorstellung eines großflächigen Waldsterbens die deutsche Öffentlichkeit in Panik. „Fast jede Woche ein Bericht über den sterbenden Wald, jede Woche derselbe Frust, jede Woche die wahnsinnige Angst“, klagte ein „Stern“-Leser 1985. „Lohnt es sich da noch, Kinder in die Welt zu setzen?“

Kurios ist, dass in der Bundesrepublik der deutsche Wald zeitweise fast schon abgeschrieben wurde, während es in der DDR offiziell keinerlei Waldsterben gab. Der saure Regen endete sozusagen an der innerdeutschen Grenze. Interessant auch: Der Klimawandel scheint zurzeit keine ähnliche Angstwelle auszulösen. Da, so sagen die Ausstellungsmacher, sei die Haltung eher, dass man das doch hoffentlich noch in den Griff bekomme. Irgendwie.

Breiten Raum in der Ausstellung nehmen die Medien ein - und sie kommen nicht gut dabei weg. Im Rückblick wird deutlich, dass sie Angstwellen allzu oft eher befeuerten anstatt die Debatte mit Fakten zu versachlichen.

Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, meint, dass heute die sozialen Netzwerke die Angstwellen noch zusätzlich verstärken. Gleichzeitig würden die Ausschläge immer kürzer: „Nächste Woche ist schon wieder was anderes dran.“

Die Ausstellung "Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“ läuft vom 10. Oktober 2018 bis zum 19. Mai 2019. Geöffnet von dienstags bis freitags von 09.00 bis 19.00 Uhr, samstags und sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr. Eintritt frei. (dpa)