"Thebans"-Premiere

Großer Beifall nach Erstaufführung in der Bonner Oper

Monumentale Steinblöcke: Szene aus Pierre Audis Inszenierung von Julian Andersons Oper "Thebans". FOTO: THILO BEU

Monumentale Steinblöcke: Szene aus Pierre Audis Inszenierung von Julian Andersons Oper "Thebans". FOTO: THILO BEU

Bonn. Am Sonntagabend hatte die deutsche Erstaufführung von Julian Andersons Opernerstling "Thebans" in Bonn Premiere. Und wurde vom Publikum begeistert gefeiert, nachdem die Produktion schon bei der Uraufführung durch die mit Bonn kooperierende English National Opera in London ein riesiger Erfolg war.

Es gibt Helden, die sind aus jenem Stoff gemacht, aus dem Kinoträume sind. Robin Hood zum Beispiel treibt es seit der Stummfilmzeit immer wieder zu neuen Abenteuern auf die Leinwand. Die Oper sucht ihre Protagonisten hingegen gern in der Antike. Das Los des griechischen Königs Ödipus beispielsweise inspirierte schon viele Komponisten. Am Sonntagabend hatte die deutsche Erstaufführung von Julian Andersons Opernerstling "Thebans" in Bonn Premiere. Und wurde vom Publikum begeistert gefeiert, nachdem die Produktion schon bei der Uraufführung durch die mit Bonn kooperierende English National Opera in London ein riesiger Erfolg war.

Der britische Komponist Anderson und der irische Dramatiker Frank McGuinnes haben "Thebans" aus Sophokles' kompletter thebanischer Trilogie ("König Ödipus", "Ödipus auf Kolonos" und "Antigone") auf hundert Minuten konzentriert (aus denen in Bonn jedoch wegen zweier Pausen fast drei Stunden werden). Wobei Anderson den Kolonos-Teil ans Ende stellt. Die dort beschriebenen Ereignisse um den Tod des Ödipus werden damit zu einer langen Rückblende, die den dritten Akt als reflektierenden Epilog nach dem Tod von Ödipus' Tochter Antigone erscheinen lässt.

Anderson, der mit George Benjamin und Thomas Adès zu den derzeit führenden englischen Komponisten zählt, hält für die Geschichte des unschuldig schuldig gewordenen Thebaner-Königs ein riesiges musikalisches Vokabular bereit. Er ist - das zeigt sich im Laufe des Abends immer mehr - ein regelrechter Klang-Alchemist. Tonal ist die Musik nicht, auch ein klares Metrum wird nur selten erkennbar. Ihren Reiz erhält sie aber vor allem durch ihre psychologische Präzision, mit der die Musik nicht nur die Charaktere, sondern auch den Prozess nachzeichnet, den Ödipus im Erkennen seiner Schuld durchläuft. Anderson bedient sich dabei virtuos aller erdenklichen Orchesterfarben, lässt Holzbläser Töne und Akkorde wie Pfeile abschießen, erlaubt kammermusikalische Dialoge im Orchestergraben ebenso wie dramatische Zuspitzungen - besonders wirkungsvoll in den bedrohlichen Marschrhythmen des Antigone-Akts. Dass Regisseur Pierre Audi dazu die Schergen von Creons Regime in Faschisten-Uniformen (Kostüme: Christof Hetzer) auflaufen lässt, ist in diesem Zusammenhang dann aber doch ein wenig zu klischeehaft.

Das Beethoven Orchester machte unter der bewundernswert präzisen Leitung von Johannes Pell die reichen Nuancen und Schattierungen der Partitur auf großartige Weise hörbar, den Sängern war es ein Partner, der die vokalen Linien immer mitdenkt. Und die dankten es mit einer packenden Leistung, den fast durchgehend ariosen Stil interpretierten sie psychologisch genau und hochemotional. William Dazeley gelang dies in der Rolle des Ödipus mit ausdrucksstarkem Bariton. Nicht weniger bewegend geriet die Darstellung der Antigone durch die Sopranistin Yannick-Muriel Noah. Auch Anjara I. Barz als Ödipus' Frau und Mutter Jocasta gab eine herausragende Vorstellung. Als androgyner, blinder Seher Tiresias agierte Rolf Broman in einem Abendkleid, das die Wirkung seines kräftigen Bass-Baritons seltsam kontrastierte. Großartig auch der Bariton Giorgos Kanaris als Polynices, der einen ebenso existenziellen wie bewegenden Streit mit seinem Vater Ödipus ausficht. Den Creon gab wie schon in London der fabelhafte Charaktertenor Peter Hoare mit einer dämonischen Präsenz, die den Gegenspieler des Ödipus gleichsam zu einem Verwandten von Puccinis Bösewicht Scarpia werden ließ. Christian Georg, Jakob Huppmann und Nicholas Probst ergänzten das Ensemble auf hohem gesanglichen Niveau.

Eine Hauptrolle hat in der Oper, wie in der griechischen Tragödie, der Chor, die durch die von Volkmar Olbrich vorbereiteten Sängerinnen und Sänger auf grandiose Weise ausgefüllt wird. Die komplexen Melodielinien und Harmonien erklangen nicht nur völlig souverän, sondern auch mit einem großen Ernst im Ausdruck.

In Pierre Audis Regie werden die Akzente vor allem auf die Personenführung gesetzt, was der Geschichte eine zusätzliche Dichte verleiht. Monumentale Steinblöcke prägen die von Tom Pye entworfene Bühne, die im dritten Akt mit seinen kahlen, schwebenden Olivenbaumästen zu einem bedrückenden Schauplatz eines Endspiels wird. Beckett könnte hier Pate gestanden haben.

Weitere Termine: 10., 16., 22. und 31. Mai, 4. Juni. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.