Zu Gast bei "Over The Border" in Bonn

Gentleman: Je bunter die Welt, desto schöner

BONN. Der Kölner Reggae-Musiker Gentleman gibt am 30. März ein Konzert beim Festival „Over The Border“ im Telekom Forum Bonn. Im Interview äußert sich der Musiker auch zu seinem neuen Album und zur politischen Situation in Deutschland.

Normalerweise hält sich der Kölner Sänger Gentleman dort auf, wo die Musik spielt. Seine Musik. Im Alter von 17 Jahren reiste er zum ersten Mal nach Jamaika, um den Reggae zu ergründen. Das hat gefruchtet. In knapp 20 Jahren hat Gentleman acht Alben eingespielt, zwei davon erreichten jeweils den ersten Platz der deutschen Charts: „Confidence“ (2004) und „Diversity“ (2010).

Zurzeit arbeitet der 42-jährige Sänger an seinem ersten deutschsprachigen Werk – nicht in Jamaika, sondern auf Hawaii. Auch ein weiteres englisches Album hat er in Planung.Am 30. März gastiert Gentleman im Rahmen des Festivals „Over The Border“ im Telekom Forum Bonn-Beuel. Heinz Dietl erreichte den Musiker, der mit bürgerlichem Namen Tilmann Otto heißt, telefonisch auf der Hawaii-Insel Big Island.

GA: Tilmann, wie läuft’s denn so auf Hawaii?

Gentleman: Super, ich komme gerade vom Schwimmen mit Walen. Wir haben jede Menge Buckelwale in der Bucht. Und wenn du schnorchelst, hörst du auch diese wunderbaren Sounds.

GA: Kommt der Walgesang auch aufs neue Album?

Gentleman: Ich denke schon. Das ist so eindrucksvoll, damit könnte man ein ganzes Album einspielen: „Gentleman – Die Gesänge der Buckelwale“.

GA: Was verschlägt Sie überhaupt nach Hawaii?

Gentleman: Ich arbeite an neuen Songs. Ich sitze hier und lasse mich inspirieren. Man ist weniger abgelenkt, kann weit aufs Meer schauen statt auf einen Häuserblock. Mein Co-Autor Marlo lebt hier. Wir haben uns ein Häuschen gemietet. Wir philosophieren viel, wägen ab, frickeln an den Songs.

GA: Lässt man sich von der hawaiianischen Musik inspirieren?

Gentleman: Ja, irgendwas fließt in meine Songs mit ein. Diese Musik ist universell, dem Leben zugewandt. Ich liebe die Herzlichkeit auf Big Island.

GA: Waren Sie schon auf dem aktiven Vulkan Kilauea?

Gentleman: Ja, aber nicht ganz oben, da war die Road closed.

GA: Sie spielen beim Bonner Festival „Over The Border“, das sich die Diversität auf die Fahne geschrieben hat. „Diversity“ heißt auch Ihr Hit-Album von 2010. Gibt es einen Zusammenhang??

Gentleman: Das passt absolut. Je bunter die Welt, desto schöner.

GA: Auf dem Stück „Regardless“ sangen Sie damals: „Warum kriegen wir es nicht hin, in Frieden miteinander zu leben“. Hat sich nichts verbessert seither?

Gentleman: Die Gesamtsituation ist eher noch komplexer geworden. Es gibt bei uns Strömungen, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Und viele Dinge passieren durch die Digitalisierung in einer enormen Schnelligkeit.

GA: Wie könnte man dieses hohe Tempo drosseln?

Gentleman: Ich denke, dass die Musik es schafft, Ruhepole zu bilden. Dafür sind wir Musiker zuständig. Wenn es uns gelingt, Momente zu schaffen, in denen man mal kurz durchatmen kann, ist das schon ein Erfolg.

GA: Was läuft insgesamt falsch?

Gentleman: Die Menschen werden immer arroganter, es geht nur noch um Snapshots, um oberflächliche Momentaufnahmen. Unglaublich viel wird aus der Anonymität heraus vorgegaukelt. Der politische Geist ist abhandengekommen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die gute Sachen tun, und positive Nachrichten, die oft nicht das Tageslicht sehen. Das ist die Grundphilosophie des neuen Albums, das solche Themen anspricht. Allerdings mit einem leichten Augenzwinkern, das vieles erträglicher macht.

 

GA: Hawaii ist ein US-Bundesstaat. Bekommt man auf Big Island die Lage im Land mit?

Gentleman: Natürlich kriegt man mit, wie gespalten das Land ist. Andererseits sehe ich bei vielen Menschen auch die bewusste Entscheidung, dass man sich eben nicht verrückt machen lässt von Strömungen, die einem die Luft zum Atmen nehmen. Du kannst eben auch einen anderen Weg einschlagen.

GA: Welchen Weg schlagen Sie vor?

Gentleman: Man kann in seinem eignen Mikrokosmos anfangen, in seiner Familie, im Freundeskreis. Außerdem: Man kann auch mal dankbar sein für das, was an Lebensqualität immer noch vorhanden ist. Wir müssen insgesamt etwas geduldiger sein.

GA: Apropos Familie. Auf dem älteren Stück „I Got To Go“ singen Sie: „Ich packe den Koffer, muss schon wieder weg, auf Tour“. Wie stellt sich das heute dar?

Gentleman: Früher dachte ich, ich müsste mich beim Schreiben komplett zurückziehen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir am besten geht, wenn ich die Familie einbeziehe. Mittlerweile ist die Familie oft dabei. Die Abläufe haben sich entzerrt.

GA: Und wie funktioniert das?

Gentleman: Wir lassen uns mehr Zeit. Nicht mehr Studio nach Stundenplan. We play music – we don’t work music. Und nicht jeder Song muss gleich veröffentlicht werden.

GA: Wie entsteht ein neuer Song?

Gentleman: Im Moment ist meine Herangehensweise eine ganz neue. Ich mache mit vorher klar, welche Emotionen der Song transportieren soll. Will ich die Nummer vollballern mit Bildern oder auf ein konkretes Gefühl beschränken? Dann erst überlege ich, welche Musik dazu passt. Gerade bei den deutschen Nummern ist das wichtig.

GA: Warum gerade da?

Gentleman: Bei deutschen Nummern dauert es länger, bis sie fließen. Dafür gehen sie sprachlich viel tiefer, ich kann andere Bilder malen. Das ist Neuland für mich, sehr spannend.

GA: Sind Sie von der deutschen Sprache überrascht?

Gentleman: Ja. Ich habe bei „Sing mein Song“ einen Titel von Mark Forster gesungen, die Resonanz darauf war überwältigend. Ich dachte: Ey, was passiert da! So entstand das neue Projekt: Ich will, dass ich auch in den Breitengraden verstanden werde, wo ich die meisten Hörer habe.

GA: Nehmen Sie die neuen Stücke in zwei Sprachen auf?

Gentleman: Nein. Ich schreibe das deutsche Album und parallel Songs auf Englisch. Das deutsche Album erscheint nur in Deutschland, Schweiz, Österreich.

GA: Warum sind Sie zum Schreiben nicht wieder in Ihre zweite Heimat Jamaika gegangen?

Gentleman: Weil ich ein deutsches Album mache. Ich bin immer wieder in Jamaika und werde bald wieder dort sein.

GA: Um Ihre dortige Fangemeinde zu pflegen?

Gentleman: Ach, Jamaika kommt auch ohne mich aus, da tut sich so viel. Andererseits war das Feedback bei meinen Jamaika-Auftritten immer sehr gut. Eine unglaubliche Energie. Dort entstand die Musik, die ich so liebe.

 

GA: Und Ihre Karriere begann vor 25 Jahren tatsächlich im Kölner Club Petit Prince?

Gentleman: Ja, ich habe dort gejobbt und einfach alles gemacht: gekellnert, Aschenbecher eingesammelt, ich habe bei Reggae-Partys gesungen und Platten aufgelegt. Damals entstand in Köln eine solche Subkultur.

GA: Wie kommt es, dass sich Reggae immer wieder neu erfindet?

Gentleman: Es ist halt eine sehr intuitive Musik und spricht viele Generationen an. Zu meinen Konzerten kommen Eltern mit ihren Kindern und auch Jugendliche. Eine entspannte Atmosphäre, alle sind friedlich. Trotzdem ist es eine progressive Musik, sozialkritisch, politisch. Der Stil hat sich verbreitet, kommt mittlerweile in allen gängigen Popstilen vor. Eine offene Musik.

GA: Sie haben an der aktuellen Produktion „MTV Unplugged 2“ von Udo Lindenberg mitgewirkt. Wie kam es dazu?

Gentleman: Udo und ich sind Soul Brothers. Sein Gitarrist Carl Carlton ist mein Schwager, über Carl habe ich ihn kennen gelernt. Mit Udo und Freundeskreis habe ich 1999 den Song „You can’t run away“ aufgenommen. Später hatte ich einen Gastauftritt bei seinem Konzert in Leipzig. Und jetzt kam „Unplugged“. Es war ein Erlebnis, in dieses Panik-Universum einzutauchen.

GA: Wie fühlt sich dieses Panik- Universum an?

Gentleman: Es ist eine eigene, aber reale Welt, die auch Sinn macht – und vor allem Hoffnung. Irgendwie zeitlos.

GA: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Gentleman: Aloha!