Chaplins Stummfilm

Frank Strobel dirigiert das Beethoven Orchester zu "Lichter der Großstadt"

Chaplin in der Beethovenhalle.

Bonn. So, so. Im Soundtrack von "Lichter der Großstadt" gebe es kein "Mickey-Mousing". Behauptet Ulrich Wilker, Student, während seines einführenden Vortrags am Sonntag in der Beethovenhalle. "Mickey-Mousing" ist ein Fachbegriff in der (populär-) wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Filmmusik und meint das reiche Illustrieren äußerer Bewegungen.

Das Illustrationsprinzip des "Mickey-Mousing" lässt sich auch außerhalb des Zeichentricks anwenden. Schon in der ersten Szene des Stummfilm-Klassikers "Lichter der Großstadt" (USA 1931), begleitet vom Beethoven Orchester unter der Leitung des weltweit renommierten Stummfilm-Experten und Dirigenten Frank Strobel, wird dies mehr als offensichtlich.

Ein Denkmal wird mit Pauken und Trompeten und vielen Offiziellen enthüllt, und der liebst gewonnene Tramp der Filmgeschichte, gespielt von Charlie Chaplin, kommt schlummernd zum Vorschein, wie er hoch droben, im Schoße einer riesigen marmornen Figur liegt. Der Score, die erste Filmmusik von Regisseur und Hauptdarsteller Chaplin selbst, tritt in dieser Sequenz turbulent und kregel mit Marseillaise-Einschlag auf - das Hinunterklettern des Tramps ist "Mickey-Mousing" de luxe.

Cremige Streicher mit lieblichen Harfen-Tupfern zur ersten Begegnung mit dem blinden Blumenmädchen, "Mickey-Mousing" beim Treppen-Trippeln an der Kaimauer, als der Tramp den betrunkenen Millionär vor dem Ertrinken rettet. Oder während der Autofahrt nach durchzechter Partynacht.

Oder als der Tramp eine Trillerpfeife verschluckt hat. Im Finale, in dem das nunmehr sehende Blumenmädchen den Tramp an seiner Hand erkennt, klingt der Score hauchzart und fragil, das Publikum ist atemlos. Das ist pure Kino-Magie. Auch 81 Jahre nach der Premiere.