Beethoven-Haus in Bonn

Film "Die Akte Beethoven" hatte Premiere im Kammermusiksaal

BONN. Autolärm, Sirenengeheul. Und mitten drin Ludwig van Beethoven, der die Straße entlangrennt. Der Beginn der Neunten unterstreicht die Szene dramatisch. Eine junge Frau, die in ihrem weißen Kleid unwirklich engelhafte Züge hat und ihm gefolgt ist, spricht ihn an: "Sie können mich doch hören..."

Doch da ist nicht als weißes Rauschen in den Ohren. Er schaut sie an, seine Augen sind ein stummer Schrei, dann läuft er weiter, immer weiter die Straße entlang. So beginnt der Film "Die Akte Beethoven", der gestern Abend vor geladenem Publikum als Weltpremiere im Beethoven-Haus gezeigt wurde und als Koproduktion von WDR und Arte am 30. Oktober im Programm des deutsch-französischen Kultursenders zu sehen sein wird.

Die Eröffnungssequenz dieser mit Spielszenen aufgelockerten Dokumentation zeigt bereits zu Beginn, dass der Komponist dem Zuschauer auf zeitgemäße Weise nahegebracht werden soll. Christian Beetz von der Produktionsfirma Gebrüder Beetz erläuterte gestern dem Publikum in dem zum Kino umfunktionierten Kammermusiksaal das Konzept: "Wir versuchen Hochkultur an ein junges Publikum zu vermitteln." Der Film ist Teil der TV-Serie "Die Kulturakte". Auch die Akten zu Pier Paolo Pasolini, Zarah Leander und Heinrich von Kleist werden im Oktober auf Arte geöffnet.

Der dokumentarische Teil des Films, der immer wieder mit Zeichnungen im Stil der Graphic Novels illustriert wird, beginnt beim Heiligenstätter Testament, das nach dem Tod Beethovens entdeckt worden war. Der Komponist hatte das bereits 1802 geschriebenen Dokument, in dem Beethoven unter anderem seine beginnende Taubheit beklagt und gar Selbstmordgedanken formuliert, ein Vierteljahrhundert sorgfältig aufbewahrt. Das Bewusstwerden der langsamen Ertaubung hat Regisseurin Hedwig Schmutte tief bewegt, wie sie im Kammermusiksaal darlegte: "Plötzlich war mir diese Sockelfigur ganz nah."

Obwohl mit Lars Eidinger als Beethoven und Pheline Roggan (die zur Premiere nach Bonn gereist war) als "unsterbliche Geliebte" zwei großartige Darsteller agieren, berührt der Film weniger ihretwegen. Dazu gibt die Regie dem Paar zu wenig Raum. Es sind vor allem die Interviews mit dem Pianisten Lars Vogt, der Dirigentin Simone Young, der Bonner Musikwissenschaftlerin Julia Ronge und dem Beethoven-Biographen Jan Caeyers, die Beethovens Gefühlswelt vermitteln.

Wenn Lars Vogt etwa angesichts des Schicksals Beethovens feststellt, "Seine Musik wird nie weinerlich", weist er auf deren tiefe Menschlichkeit hin. Und wenn Caeyers anführt, dass Beethovens Taubheit für die Musikgeschichte und für die Menschheit im Allgemeinen ein großes Glück gewesen sei, stimmt das ebenso nachdenklich.

Spannend ist der Film aber eher für die Eltern der jugendlichen Zielgruppe, die ja auch durchaus mit Graphic Novels vertraut sind.