Theater in Bonn

Feuer aus allen Rohren: "Metropolis" nach dem Film von Fritz Lang

Wer ist Maria, wer Maschine? Szene mit Mareike Hein und Ensemblemitgliedern.

BEUEL. Film, glaubte Fritz Lang, "hat die Macht, geahnte Wunderwelten kommender Jahrhunderte prophetisch vor unseren Augen aufzubauen".

In seinem 1925/26 entstandenen, ein Jahr später in Berlin uraufgeführten Stummfilm "Metropolis" erschuf Lang die Zukunftsvision einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der die da oben feierten wie die alten Römer und die da unten schufteten wie die Sklaven. Nach dem Roman und Drehbuch seiner Frau Thea von Harbou produzierte Lang einen sündhaft teuren Film, der die Ufa fast ruinierte, beim Publikum durchfiel, aber zum Klassiker aufstieg.

Die Geschichte, in der die Macht von Industrialisierung und Maschinen über den Menschen thematisiert wurde, bot auch eine melodramatische Love Story, eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung, ein Frankenstein-Motiv (genialer Erfinder baut Maschinenfrau) sowie reichlich Intrige, Rache und Rebellion. Das alles in einem expressionistisch hochgejazzten Rahmen.

Welche Macht hat das Theater? Der Regisseur Jan-Christoph Gockel und sein Dramaturg David Schliesing haben "Metropolis" in die Halle Beuel gebracht. Sie transportieren Langs Werk ins 21. Jahrhundert, nehmen Handlungsvorlagen auf und spinnen sie weiter. Der Spielort hat nach Umbau wieder die raue Anmutung und unverputzte Authentizität einer ehemaligen Fabrikhalle.

Julia Kurzwegs Bühne zitiert Ausstattungselemente aus Langs Film und illustriert Entfremdung am Arbeitsplatz; kein Raum zum Wohlfühlen. Das Theater feuert ästhetisch aus allen Rohren. Der Stummfilmklassiker hat das Sprechen gelernt. Siri, die digitale Assistentin von Apple, spielt unter anderem mit.

Die Inszenierung setzt Langs Expressionismus in einen Soundtrack der Gegenwart (Musik: Matthias Grübel) um, mit Songs von Depeche Mode wie "I Feel You" und "Stripped". Filmzitate, fantastische Kostüme (Amit Epstein), Stroboskoplicht-Effekte, Projektionen, parodistische Elemente, der Einsatz von Puppen, die den Schauspielern auf gruselig-faszinierende Weise ähneln - das Theater will so maßlos sein wie Langs Film.

Und vor allem smart, up to date, anspielungsfreudig. Die als Textblöcke und Monologsäulen in den Raum gestellten Reflexionen über Mensch, Maschine, Algorithmen und die Folgen drücken die Schauspieler meistens im Zustand höchster Erregung aus; schreiend verschlucken sie dabei viel Verständlichkeit.

Die These des Abends: Die verführerische digitale Offensive der Gegenwart macht uns unfrei, unsere Identitäten lösen sich auf. Es gibt Hoffnung. Am Ende befreien sich die Figuren von ihren Fesseln, zu "Stripped" von Depeche Mode ("Let's get away / Just for one day") wagen sie einen die Natur feiernden Primatentanz. Zurück zu den Wurzeln.

Der rund dreistündige Abend ist nicht für alle Darsteller gleich ergiebig. Mareike Hein als Maria und Maschinenmensch sieht aus wie Pris im "Blade Runner" und hat den saftigsten Part. Sie vereint Mensch und Maschine, Emotion und Kälte. Vor dem Mikrofon macht sie mit "I Feel You" eine gute, glamouröse Figur.

Hajo Tuschy als der sie liebende Freder zeigt sich gefühlsmäßig immer auf 180. Seinen Vater, den Herrscher von Metropolis, verkörpert Wolfgang Rüter als einen Machtmenschen, dem zunehmend die Luft ausgeht. Michael Pietsch, der die Puppen für die Produktion gebaut hat, ist der irre intensive Rotwang, Benjamin Grüter ein eindringlicher Josaphat.

Andrej Kaminsky gibt den Schmalen aasig und verschlagen, Robert Höller den Georgi sympathisch und sportlich. Auf Augenhöhe mit den eben Genannten: Maschinen-Maria mit puppenhafter Magie und marionettenhaftem Sex-Appeal.

Das Ensemble wurde vom Publikum gefeiert. Maschinen-Maria konnte nicht zum Schlussapplaus erscheinen. Sie war vorher in ihre Einzelteile zerlegt worden.

Auf einen Blick

Das Stück: Eine assoziative Aneignung des Filmstoffes von Fritz Lang.
Die Inszenierung: Sie schmückt sich selbstverliebt mit vielen, zu vielen Ideen und Effekten.
Die Schauspieler: Souverän, manchmal unverständlich. Sonderlob an Maschinen-Maria.

Info

Aufführungen: 13., 16., 19., 21. und 24. November, 6., 8., 10., 12., 15., 21. und 28. Dezember.
Karten gibt es bei Bonnticket und in den GA-Zweigstellen.