4. Internationaler Beethovenpreis für Menschenrechte

Für Gabriela Montero ist Schweigen keine Option

Bonn. In einem fast vierstündigen Festakt mit viel Musik nahm die venezolanische Pianistin, die sich für die Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzt, im ausverkauften Forum der Bundeskunsthalle den Beethovenpreis entgegen.

Den leidenden Menschen in ihrer Heimat eine Stimme zu geben sei eine Rolle, die zu übernehmen sie nie gefragt worden sei, sagte die venezolanische Pianistin Gabriela Montero in ihrer aufwühlenden Rede im Anschluss an die Entgegennahme des Beethovenpreises für Menschenrechte im Forum der Bonner Bundeskunsthalle. Doch genau dafür hat sie nun die Auszeichnung erhalten. Montero ist eine leidenschaftliche Kämpferin für ihr Volk, das unter der „vom Staat geförderten Kriminalität“ leide, die der Bevölkerung nichts zum Leben lasse. „Was die Menschen in Venezuela heute erleiden, ist die Abwesenheit jeglicher Hoffnung, Nahrung, medizinischer Versorgung und des menschlichen Grundrechts zu überleben“, sagte die 47-Jährige .

Gegen diese Zustände opponiert sie seit vielen Jahren lautstark, auch wenn sie selbst längst nicht mehr in Venezuela leben kann. „Silence is not an option“, sagte die Musikerin: Schweigen ist keine Option. Und sie warnte davor, die „marketingfreundlichen Lüge“ zu unterstützen, dass Musik alles heile. Womit sie auf das von der Regierung geförderte Projekt „El Sistema“ anspielte, dessen berühmtester Spross der Dirigent Gustavo Dudamel ist. „Wie alles Schöne in Venezuela ist auch der hohe Wert der Musik systematisch ausgehöhlt worden.“

Nach der Rede, an deren Ende sie mit den Tränen kämpfte, ließ sie die Musik sprechen. Sie spielte eine Improvisation, die sie ihrem Volk widmete. Wie sie da aus dem Stegreif Melodien und Harmonien zu einem echten musikalischen Kleinod zu formen weiß, verdient höchste Bewunderung.

Jungen venezolanischen Musikern eine Ausbildung in Europa vermittelt

Zuvor war Montero bereits mit dem jungen Tenor Luis Gerardo Magallanes zu hören gewesen, den sie bei einem venezolanischen Volkslied begleitete. Ihn hatte sie aus der Armut und Hoffnungslosigkeit Venezuelas herausgeholt und zur Ausbildung an die Musikhochschule von Dublin vermittelt. Ebenso wie die Geigerin Arianna Soledad Orono und den Bratschisten Johan Rondon Castillo, die heute beide auf Monteros Vermittlung hin in Barcelona studieren. Sie spielten ein hübsches Duett von Reinhold Glière, bevor sie dann zusammen mit Magallanes, der hierfür zu einer venezolanischen Gitarre griff, eine venezolanische Weise intonierten.

Musikalisch hatte die in Bonn aufgewachsene Pianistin Luisa Imorde das Tor nach Venezuela aufgeschlossen: mit dem chopinesk verträumten Klavierstück „Un rêve en mer“ der aus Caracas stammenden Komponistin und Pianistin Teresa Carreño (1853-1917). Zu dem Zeitpunkt waren im ausverkauften Forum schon fast drei Stunden eines reichen und sehr bunten Programms verstrichen.

Zum Schluss kam noch einmal Beethoven zu Wort

Der Internationale Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion, wie er vollständig lautet, wurde von Torsten Schreiber und Andreas Loesch für die Beethoven-Academy initiiert und ist mit 10 000 Euro dotiert. Die mit dem Preis verbundene Trophäe „Evolute“ hat der Künstler Dirk Wilhelm gestaltet. Montero ist die erste Frau, die den Beethovenpreis erhält, der im vergangenen Jahr an BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken ging. Der Preis wird von der Kölner Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Solidaris gesponsert, deren Geschäftsführer Rüdiger Fuchs auch als Gast der zwei Beethoven-Talk-Runden präsent war. Ebenso wie Pascale Burmester, Gründerin der Stiftung Lichterzellen, Bonns Generalmusikdirektor Dirk Kaftan, die Liedersängerin Katja Ebstein und der Pianist Kai Schumacher.

Musikalisch hatte der Abend mit einem Auftritt der 87-jährigen, in Bonn lebenden US-Amerikanerin Margot Nita begonnen, die mit Beethovens Rondo G-Dur op. 51,2 zu hören war. Der nicht nur in Bonn sehr beliebte griechische Bariton Aris Argiris sang, von der armenischen Pianistin Nare Karoyan am Klavier begleitet, Lieder von Beethoven, Brahms und – als Geste der Völkerverständigung – eines von dem türkischen Komponisten Eglen Gülen. Katja Ebstein las ein religionskritisches Gedicht von Bodo Wartke, der junge israelische Geiger Yaamen Saadi musizierte zusammen mit der ägyptischen Pianistin Myriam Farid Lieder ohne Worte von Paul Ben Cahim. Die Sängerin Jocelyn B. Smith und der Pianist Kai Schumacher begeisterten schließlich unter anderem mit dem durch Aretha Franklin berühmt gewordenen Sam-Cook-Song „A Change Is Gonna Come“.

Berührend auch der Auftritt des ersten Beethovenpreisträgers Aeham Ahmad aus Syrien. Der als „Pianist aus den Trümmern“ bekannt gewordene Musiker war zusammen mit seinem blinden Vater zu erleben, der die Geige spielte. Ahmads Spiel, sein Gesang und seine ansteckende Lebensfreude brachten das Publikum sogar zum Mitsingen.

Erst ganz zum Schluss kam noch einmal Beethoven zu Wort. In Gestalt seiner monumental ausufernden „Großen Fuge“ op. 133, die vom Schnitzler Quartett mit Leidenschaft vorgetragen wurde. Ein würdiger Abschluss.