Historische Räume in Bonn rekonstruiert

Führung durch das alte Kanzleramt

Bonn. Das Haus der Geschichte hat die historischen Räume des Bonner Kanzleramts rekonstruiert. Ab 21. Januar können das ehemalige Büro von Helmut Schmidt und der Kabinettssaal besichtigt werden.

So richtig warmgeworden ist Bundeskanzler Helmut Schmidt nie mit der nüchternen Architektur des Kanzleramtes am Rhein. Klar und zweckmäßig ist der Bau der Königswinterer Planungsgruppe Stieldorf ausgefallen, mit großen Fenstern, die den Büroalltag erhellen, einer schmucklosen Lobby und einem sehr profanen Treppenhaus, das ins Zentrum der Macht, zum Kanzlerbüro und Kabinettssaal führt. Repräsentationspomp geht anders. Hier präsentierte sich die bescheidene, fleißige Republik.

Als Schmidt am 1. Juli 1976 vom Amtssitz im benachbarten Palais Schaumburg in den bräunlichen, dreigeschossigen Neubau zog, der sich laut Ausschreibung der Bundesbaudirektion in „städtebaulicher Zurückhaltung“ zu üben habe, konnte er sich einen Kommentar über die Architektur nicht verkneifen: „Es könnte genauso gut eine rheinische Sparkasse darin residieren“, meinte er launig und griff damit auch die öffentliche Kritik an diesem Bau auf.

„Dieses Haus braucht dringend eine menschliche Atmosphäre“, merkte er an. Er ließ sich Leihgaben von Expressionisten-Bildern kommen, August Macke, Ernst Ludwig Kirchner und Franz Marc für den Kabinettssaal, einen Erich Heckel für das sogenannte Heckel-zimmer – intern: „Händeschüttelzimmer“ –, in dem der Kanzler seine Gäste zu begrüßen pflegte. Im Arbeitszimmer stand Hermann Hallers Büste der Schauspielerin Tilla Durieux, hing Gemaltes von Emil Nolde, im kleinen Speisesaal ein Karl Schmidt-Rottluff.

Panzer standen vor dem Kanzleramt

Bis 1999 war in diesem nüchternen Bau an der Dahlmannstraße, an dessen Planungen Horst Ehmke, Kanzleramtsminister von Willy Brandt, beteiligt gewesen war, das Zentrum der Macht untergebracht. Hier fuhren im „Deutschen Herbst“ 1977 Panzerwagen auf, als sich im Zeichen des RAF-Terrors Krisensitzung an Krisensitzung reihte. Vor dem Gebäude ließ Schmidt 1979 Henry Moores „Large Two Forms“ aufstellen, im Kanzleramt selbst wurden Michail Gorbatschow, François Mitterrand, Margaret Thatcher und Bill Clinton empfangen. Kohls Zehn-Punkte-Plan zur Deutschen Einheit bekam im Kanzlerbüro Konturen. Von 1976 bis 1999 arbeiteten hier nacheinander die Kanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder.

Nach dem Regierungsumzug ging das Kanzleramtsgebäude an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über. Das Kanzlerzimmer blieb leer. Der längjährige Bonn-Korrespondent der „FAZ“ und spätere Büroleiter des Blattes Günter Bannas erinnerte in einem Beitrag, wie BMZ-Chef Gerd Müller schon früh die Idee eines historischen Kanzlerbüros fasste und mit der Frage im Sinn, welcher Zustand wohl zu rekonstruieren sei, Briefe an die drei betreffenden Amtsinhaber schrieb. Schröder, der hier nur wenige Monate residiert hatte, habe abgewinkt, Kohl kam immerhin im Herbst 2014 an seine alte Wirkungsstätte, mit Schmidt schließlich habe es im Frühjahr 2015 ergiebige Gespräche gegeben. Der Altkanzler habe schließlich das nötige Material zur Verfügung gestellt – vom Schreibtisch bis zum Buddelschiff und Schachbrett.

Das Haus der Geschichte hat nun das Kanzlerzimmer rekonstruiert, mit den Möbeln des ersten Nutzers, Bundeskanzler Schmidt, eingerichtet und präsentiert es ab 21. Januar zusammen mit dem Heckelzimmer und dem Kabinettssaal jeweils an Wochenenden und Feiertagen im Rahmen von Führungen. Im Foyer kann man offizielle Gastgeschenke bewundern, in den historischen Räumen informieren Filme und Texte, die Kanzler sind mit Dokumenten aus ihrer Amtszeit vertreten.

 

Helmut Schmidt war ein Arbeitstier

Jeder habe hier seine Spuren gelassen, sagt Judith Kruse vom Haus der Geschichte, die maßgeblich an der Konzeption für diesen historischen Ort beteiligt war. „Helmut Schmidt war ein Arbeitstier, Helmut Kohl ein Vieltelefonierer, Gerhard Schröder ein Kommunikationstalent“, erzählt sie. Anhand von alten Fotos wurde das Interieur des Kanzlerzimmers rekonstruiert.

Schmidts ausladender Palisander-Schreibtisch stand schon in dessen Arbeitszimmer im Palais Schaumburg. Nach seiner Amtszeit wurde er in Schmidts Bundestags-Büro nach Bonn, später nach Berlin transportiert, wo der Tisch bis zum Tod des Altkanzlers stand. Heute steht er wieder an alter Stelle in Bonn, mit Aschenbecher und Pfeife, Schnupftabaksdose „Gletscher-Prise“ und „Reyno Lights“-Mentholzigarettenschachtel. Nach Rauch riecht es hier allerdings nicht mehr.

Hinter dem Kanzlertisch hängt nun wieder – als Kopie, das Original hat Kurt Beck in der Ebert-Stiftung – ein Porträt von August Bebel, einem der Begründer der Sozialdemokratie. Links davon stehen Bücher aus Schmidts Nachlass im Regal. Unter dem Konferenztisch liegt ein ziemlich schriller turkmenischer Teppich – ein Geschenk des ehemaligen sowjetischen Präsidenten Leonid Breschnew. Ein Buddelschiff und ein antikes Grundig-Radio komplettieren das Ensemble, in einer Zimmerecke findet man Fotos (Schmidt mit Gerald Ford, Billy Carter und Margaret Thatcher oder mit Kollegen), ferner Erinnerungsstücke aus Schmidts Kanzlerjahre sowie das Hufeisen, das er als Glücksbringer zum Start seiner Kanzlerschaft bekam. Anhand historischer Aufnahmen ließ sich das Devotionalien-Eck rekonstruieren. Schmidt selbst nannte das seine „Kitsch-Ecke“, eine Momentaufnahme aus der heilen, kuscheligen, biederen Bonner Republik.