7. Jazzfest Bonn

Experiment und Emotion

Bonn. Mit zwei herausragenden Doppelkonzerten startet das 7. Jazzfest Bonn: Thomas Quasthoff und das Bundesjazzorchester im Telekom Forum, Antonio Sanchez und Lisa Bassenge im Haus der Geschichte.

Mit einem hoch emotionalen Abend ist das Jazzfest Bonn am Freitag im Telekom Forum in die siebte Runde gestartet. Wiederholt wurde an den Jazzsänger Roger Cicero erinnert, der vor kurzem gerade einmal 45-jährig gestorben war. Cicero hätte das Jazzfest eröffnen sollen. Der Einspringer Thomas Quasthoff, klassischer Liedsänger, der nach dem Karriereende ins Jazzfach gewechselt ist, würdigte Cicero als „herausragende Sängerpersönlichkeit“. Quasthoff vermied jede überflüssige Sentimentalität, entschuldigte sich beim weiblichen Publikum, das sich ja wohl auf den besser aussehenden Cicero gefreut habe. Er trete auch nicht mit Hut auf. Noch einmal wurde er ernst, als es darum ging, an den Tod Roger Willemsens zu erinnern. Frank Sinatras „We'll be Together Again“ widmete er dem Freund, der „so unverblümt, furchtlos und charmant“ gewesen sei.

Quasthoff stieg tief ins Repertoire der Jazzstandards, die keiner so schön gesungen hat wie Sinatra: das fein swingende, strahlende „Can't we be Friends“, die melancholische Hymne aller Träumer „Fly me to the Moon“, das schmissige „For Once in my Life“ mit einer Scat-Einleitung. Das lautmalerische, Instrumente und Partygemurmel imitierende, Geräusche rhythmisch unters Volk bringende Singen macht Quasthoff sichtlich Spaß. Aber er hat auch den Blues im Herzen mit „Mr. Piano Man, Play me Some Down Home Blues“. „You're so Beautiful“, die durch Joe Cocker unvergesslich gewordene Liebesballade, nahm er „anders, als Sie sie kennen“, wie er sagte: mit der Perfektion des klassisch ausgebildeten Sängers, der stimmlich alle Register meistert. Das Raue, Schräge, Brüchige, was wir am Jazz so lieben, blieb dabei meist auf der Strecke.

Quasthoff hatte drei fantastische, wunderbar aufeinander eingespielte Musiker an seiner Seite, ein für die Festivaleröffnung mehr als würdiges Star-Ensemble: Frank Chastenier gab den Nummern am Piano jazzigen Drive, frischte tausendmal gehörte Songs mit seinem brillanten Spiel auf, machte sie interessant, spannend; mit Dieter Ilg stand ein fantasievoller, rhythmisch fesselnder Bassist auf der Bühne; und Wolfgang Haffner am Schlagzeug glänzte einmal mehr als charmanter Taktgeber und Einpeitscher. Mit John Lennons „Imagine“, dem insbesondere Chastenier ganz neue Farben und Effekte abgewann, schickte das Quartett sein begeistertes Publikum in die Nacht.

Begonnen hatte das Eröffnungskonzert mit einem Blick ins Musiklabor, in die Zukunft des Jazz. Junge Musiker des Bundesjazzorchesters (BuJazzO) spielen unter dem jungen Big-Band-Leader Niels Klein Stücke junger Komponisten. Toller Auftakt, der die Grenzen des Genres mit Spaß am Experiment auslotete. Wieder einmal bestätigte das BuJazzO seinen Ruf als exzellente Talentschmiede – für Roger Cicero und Festivalchef Peter Materna war dieser Klangkörper vor Jahrzehnten die erste Stufe auf der Karriereleiter. Das Ensemble demonstrierte von Anfang an, dass das letzte Wort in Sachen Big Band noch nicht gesprochen ist: heraus aus der wohlig swingenden Komfortzone und hinein in die musikalische Auseinandersetzung. Es gab Brüche und Dissonanzen, mal kollabierte der Sound, mal erstrahlte das Blech in schönster Einigkeit. Das BuJazzO hat großartige Musiker in seinen Reihen, versierte Solisten. Und es hat eine erstklassige fünfköpfige Vokal-Formation, die in der zweiten Hälfte des Auftritts Glanz auf die Bühne brachte. Das BuJazzO lieferte ein Wechselbad der Gefühle und einen Eindruck davon, wie aufregend Zukunftsmusik sein kann.

Antonio Sanchez' Migration und Lisa Bassenge am zweiten Abend

Auch am zweiten Festival-Abend im Haus der Geschichte ging Maternas Konzept, im Doppelkonzert kontrastierende Gäste zu präsentieren, auf. Der mexikanische Schlagzeuger mit Lebensmittelpunkt in New York, Antonio Sanchez, legte mit seiner Gruppe Migration die ohne Unterbrechungen gespielte fünfteilige, auf 75 Minuten gestreckte „Meridian Suite“ vor. Das ist ein mit einer lockeren, neuntönigen Folge startendes Abenteuer, mal sphärisch, mal düster-rockig und ohrenbetäubend dröhnend. Nervös, flirrend hebt die Suite ab, satte Basslinien (Matt Brewer) und wummernder Fender Rhodes (John Escreet) erden das Ganze. Seamus Blake spielt sein Tenorsaxofon in alle erdenklichen Richtungen aus, sorgt mit dem EWI (electric wind instrument), einem geblasenen Synthesizer, für bizarre Akzente. Und pausenlos am Schlagzeug treibend der erschreckend fitte Sanchez, Komponist der Filmmusik zu „Birdman“. „Es gibt Meridiane, die die Erde durchziehen, den Himmel, unsere Körper und unseren Geist“, hat er einmal gesagt. Er wollte sie rhythmisch, harmonisch und melodisch spürbar werden lassen. Experiment gelungen.

Die Berliner Jazzsängerin Lisa Bassenge hatte nach diesem dicken Brett kein leichtes Spiel, tauschte weltumspannende Meridiane gegen den Hotspot Los Angeles. Dort hat sie ihr Album „Canyon Songs“ aufgenommen mit zarten Balladen voller Herzschmerz, die kleine und große Dramen kolportieren, allesamt Liebeserklärungen an die Stadt der Engel. Bassenges schöne, klare Stimme gibt den meisten Liedern morbid-melancholische Farben. Bei der düsteren Amokläufer-Moritat „Riders on the Strom“ fehlt es jedoch an Tiefe, und über den Wahnsinn von „All Stripped Down“ (Tom Waits) trällert sie doch etwas zu locker hinweg. Als Zugabe dann die irgendwie überzeugendere „alte“ Lisa Bassenge mit „Lass die Schweinehunde heulen“ von „Wolke 8“ (2013) und der Textzeile: „Lass die Nase richtig bluten/ Torkel durch den Morgennebel/ Leg dich einfach auf die Straße und du weißt:/ Du bist am Leben.“