25 Jahre Bundeskunsthalle und Kunstmuseum Bonn

"Es ist eine produktive Konkurrenzsituation"

Der Intendant des Kunstmuseums Bonn: Kunsthistoriker Stephan Berg.

Der Intendant des Kunstmuseums Bonn: Kunsthistoriker Stephan Berg.

Bonn. Vom Rheinischen Expressionismus bis hin zur Kunst der Gegenwart reicht das Spektrum des Kunstmuseums Bonn. Als Intendant prägt der Kunsthistoriker Stephan Berg seit 2008 das Ausstellungsprogramm. Im Interview spricht er über die Entwicklung und gibt Ausblicke auf zukünftige Ausstellungen.

Seit 2008 prägt der Kunsthistoriker Stephan Berg als Intendant das Programm des Kunstmuseums Bonn, dessen Profil von den Rheinischen Expressionisten um August Macke bis zur Kunst der Gegenwart reicht. Bergs Augenmerk gilt einer in nahezu regelmäßigen Abständen vorgenommenen Befragung der städtischen Sammlung und einem attraktiven Wechselausstellungsprogramm. Mit Berg sprach .

Sie waren am 17. Juni 1992 vermutlich nicht in Bonn, sondern wahrscheinlich bei Jan Hoets documenta, die am 13. Juni begonnen hatte. Wann sind Sie auf das Kunstmuseum und vielleicht auch auf die Bundeskunsthalle aufmerksam geworden? Wie haben Sie sie wahrgenommen?

Stephan Berg: Damals war ich nicht in Bonn. Erst Mitte der 1990er habe ich die Bundeskunsthalle und das Kunstmuseum besucht. Im Kunstmuseum beeindruckte mich damals eine Ausstellung von Volker Adolphs unter anderem mit Malerei von Karin Sander und Katharina Grosse. Die Bundeskunsthalle habe ich als kulturhistorisches Breitwandprogramm mit großen Setzungen empfunden. Beide Häuser sah ich als gleichberechtigte Institutionen.

Kunstmuseums-Chefin Katharina Schmidt und ihr Vize Klaus Schrenk haben das Sammlungs- und Ausstellungsprinzip in Künstlerräumen – ein Raum, ein Künstler in der Dauerausstellung – entwickelt. Funktioniert es noch, ist es nicht vielleicht etwas starr, sehen Sie Korrekturbedarf?

Berg: Wer das Programm der vergangenen acht Jahre verfolgt hat, konnte sehen, dass wir dieses Prinzip nicht starr eingehalten haben. In der Regel setzen wir auf den Dialog zweier oder mehrerer Positionen. Vom Ansatz her ist mir die Idee einer Konzentration immer noch sympathisch – aber als Korsett, als Dogma empfunden wäre es langweilig. Der spannungsvolle Kontrast, die Suche nach Korrespondenzen ist der Spaß des Kuratorischen.

Hat sich auch die Art, Kunst zu präsentieren, verändert?

Berg: Als ich hier anfing war das Kunstmuseum ein reines Bildermuseum. Mit Nedko Solakov, meiner ersten Ausstellung in Bonn, kamen installative Momente ins Spiel. Dazu haben wir die thematischen Ausstellungen verstärkt, ohne allerdings auf unseren starken Bild- und Malereischwerpunkt zu verzichten

Was ist der Charme daran?

Berg: Insgesamt ist die Bedeutung kuratorischer Arbeit, und damit auch das Interesse beispielsweise an thematischen Ausstellungen, in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Bis hin zu einer völligen Überbewertung mancher Kuratorenfiguren als demiurgenhafte Marionettenspieler, die Fäden ziehen. Da wird es kritisch: Kunst wird nur mehr inszeniert, um eine eigene These stark zu machen. Mich interessiert dagegen, wie sich aus den künstlerischen Positionen selbst Verknüpfungen, Zusammenhänge und überraschende Perspektiven erzeugen lassen?

Wir haben heute eine Situation, die sich vielleicht so umschreiben ließe: Knappe, stagnierende, wenn nicht schrumpfende Etats, dagegen wachsende Kosten für Bewachung, Transport, Versicherung und dergleichen. Dazu ein heterogener werdendes anspruchsvolles Publikum, das am liebsten jedes Jahr einen Blockbuster im Kunstmuseum sehen möchte. Wie gehen Sie damit um?

Berg: Spagat, Spagat, Spagat. Es ist nicht einfach! Ich mag den Begriff Blockbuster nicht so gerne. Aber wir fragen uns doch deutlich mehr als vor 20 Jahren, wie eine Programmplanung aussieht, die nicht nur inhaltlich Sinn macht, sondern auch möglichst viele Menschen erreicht. Haben wir etwas, das genügend Strahlkraft hat und damit ein Publikum jenseits des Kunstdiskurses erreicht? Bis zu einem bestimmten Punkt finde ich diese Fragestellung produktiv: Für wen tun wir das? Aber wir dürfen nicht das machen, was nicht zu uns passt, nur um alle zu erreichen. Glaubwürdigkeit ist wichtig. Eine Gratwanderung. Ein Kunstmuseum ist kein Kunstverein und ich kann nicht einfach agieren, wie ich will, sondern tue dies im Rahmen eines historisch vorgegebenen Konvoluts, einer Sammlung.

Eine Gratwanderung mit knappen finanziellen Ressourcen?

Berg: Da will ich nicht jammern. Ich bekomme einen Ausstellungsetat von 300 000 Euro – das haben viele andere Häuser nicht. Diesen Betrag muss ich verdreifachen, um mein Programm fahren zu können. Das ist anspruchsvoll. Aber ich habe eine Basisförderung, mit der ich arbeiten kann.

Wie sieht es mit dem Ausbau der städtischen Kunstsammlung aus? Mit 150 000 Euro pro Jahr kommt man nicht weit.

Berg: Erstaunlicherweise sind dennoch gute Ankäufe möglich. Dabei profitieren wir von erheblichen Museums-Rabatten. Mancher Ankauf eines Künstlerraumes ist auch mit einer Schenkung verbunden. Wir arbeiten mit Privatsammlern zusammen, streben Stiftungskonstruktionen wie mit der gerade präsentierten Sammlung KiCo an, die die Sicherheit schaffen, dass Arbeiten, die hier gezeigt werden, auch hier bleiben. Erst kürzlich haben wir wieder attraktive Schenkungen bekommen, etwa Arbeiten von Astrid Klein oder Candice Brice.

Seit Robert Fleck als Kurzzeitintendant und mit Rein Wolfs bewegt sich der Nachbar Bundeskunsthalle zunehmend auf dem Feld der Gegenwartskunst – eigentlich Ihrem Feld. Wie finden Sie das?

Berg: Es ist eine produktive Konkurrenzsituation. Ich hatte nie das Gefühl, dass uns die Bundeskunsthalle das Wasser abgräbt. Dass hier in zwei benachbarten Häusern anspruchsvolle Gegenwartskunst gezeigt wird, schafft vielmehr Synergie. Wobei Wolfs mehr als Fleck panoramatisch arbeitet.

Woran liegt es, dass die Kooperation mit der Bundeskunsthalle so schlecht ist? Sie könnten sich doch permanent die Bälle und Besucher zuspielen?

Berg: Mit Rosemarie Trockel waren wir ganz nah dran. Das Projekt hat nicht geklappt. Auch zu einem Projekt mit Martin Kippenberger gab es Überlegungen. Rein Wolfs und ich tauschen uns aus, haben ein gutes, kollegiales Verhältnis. Wir müssten Künstler finden, bei denen eine Kooperation zwischen den Häusern trotz des unterschiedlichen Etats funktioniert – ohne dass wir als Juniorpartner dastehen.

Sie teilen sich quasi den Museumsplatz, auf dem großartige Konzerte stattfanden – nicht immer mit Ihrem Beifall, des Lärms wegen. Seit dem Ende der Serie gibt es kein Konzept für eine der größten Freiflächen in Bonn. Haben Sie Vorstellungen?

Berg: Ich will nicht ausweichen, aber die Bundeskunsthalle hat da die Federführung, es ist Gelände des Bundes. Es gab Überlegungen zu einem temporären Pavillon als Forum. Mit Wolfs bin ich mir einig: Der Platz muss belebt werden.

Sie arbeiten mit einer Architektur der 1980er Jahre. Was sind die Vor-, was die Nachteile?

Berg: Nachteile gibt es wenige. Die Rhetorik der Architektur atmet die 80er Jahre, da ist einiges an Pathos da. Wenn man das abzieht, ist es eine unglaublich benutzbare Architektur mit fantastischer Lichtführung und Räumen, die gut funktionieren. Die fließende Raumfolge wirkt immer noch überraschend zeitgemäß. Das Gebäude ist in einem erstklassigen Zustand.

Wo wir bei der Zukunft wären. Was erwartet uns 2018 im Kunstmuseum?

Berg: Ich will ein Projekt herausheben: Wir werden eine große Ausstellung machen „Das Auge der Stadt“, der Flaneur in der Kunstgeschichte von Renoir bis Francis Alÿs. Es ist der ehrgeizige und zugleich lohnende Versuch, diese literarische Figur auf die bildende Kunst zu übertragen: Welche Bilder, welche Blicke und Perspektiven erschließen die Stadt, wie verändert sich das? Wir werden exzellente Exponate zeigen und haben bereits gute Rückmeldungen.

Sind Sie bei Beethovens Jubiläumsjahr 2020 dabei?

Berg: Wir machen eine Ausstellung mit dem Arbeitstitel „Sounds of Silence“, die sich mit den Themen Stille, Verstummen beschäftigt – aber auch dem Gegenteil, dem unerträglichen Krach. Eine Ausstellung, in der wir eine Brücke schlagen können von der Musik zu den Bildkünsten.

Ihr Vertrag als Intendant des Kunstmuseums läuft bis Ende 2020. Gibt es Wünsche, die Sie sich bis dahin erfüllen wollen? Was würden Sie unbedingt in dieser Zeit gerne machen?

Berg: Der größte Wunsch wäre, dass wir es schaffen, noch mehr Bonner für dieses Haus zu interessieren. Das ist wirklich eine ganz alte Sehnsucht, die das Haus von der Eröffnung an begleitet hat. Es gibt so viele interessierte und intelligente Menschen in der Stadt. Und dennoch sagen vergleichsweise zu wenige: Das ist unser Museum. Dennoch bleibe ich optimistisch. Das ist ein begeisterndes Haus mit großem Potenzial.