Mord in Bonn

Ernst-Moritz-Arndt-Haus geht einem 150 Jahre alten Kriminalfall nach

Der Mörder Graf Eulenburg (links) auf einem alten Stich der Bonner Borussen. FOTO: FRANZ FISCHER

Der Mörder Graf Eulenburg (links) auf einem alten Stich der Bonner Borussen.

BONN. In der neuen Ausstellung "Mord in Bonn vor 150 Jahren: der Koch, die Könige und der letzte deutsche Sommer vor Bismarck" schlägt das Ernst-Moritz-Arndt-Haus, Dependance des Stadtmuseums Bonn, wieder die Geschichtsbücher auf.

Denn: Was auf den ersten Blick anekdotisch anmutet, erweist sich als ernsthafte Historie von europäischer Dimension. Direktorin Ingrid Bodsch und der englische Historiker James Hawes haben sie erforscht. Zugrunde liegt ein Ereignis aus der Nacht vom 4. auf den 5. August 1865.

Eugen Daniel Ott, französischer Koch des in Bonn studierenden Prinzen Alfred von England, war zum Hofkoch der Königin Victoria ernannt worden. Sie war auf dem Wege nach Coburg, wo ihr verstorbener Mann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, in einem Denkmal geehrt werden sollte.

Dieser Koch feierte nun mit Freunden seine Beförderung recht feucht-fröhlich im Wirtshaus Wolter. Wohl ebenso feucht, aber weniger heiter hatten die Bonner Borussen, das Corps preußischer Elite, im Wirtshaus Schmitz getagt. Sie distanzierten sich nämlich von einer Aktion der liberalen Burschenschaft Frankonia, die an der Errichtung des Arndt-Denkmals am 29. Juli teilgenommen hatte. Auf dem nächtlichen Heimweg gerieten beide Trüppchen in Streit. Von den Borussen provoziert, rief der königliche Koch: " ... was wollt ihr verdammten Burschen eigentlich?"

Ausstellung vor allem mit dokumentarischer "Flachware" bestückt

Zu Zeiten strenger Standestrennung ein Affront gegen die adeligen Borussen! Und so zog der 19-jährige Wendt Botho Graf zu Eulenburg seinen Säbel, schlug Ott derart nieder, dass er seinen Verletzungen erlag. Die Todesurkunde des erst 38-jährigen Opfers ist im Arndt-Haus zu sehen.

Ganz zwangsläufig ist eine solche Ausstellung vor allem mit dokumentarischer "Flachware" bestückt. Doch präsent sind auch die authentische Uniform des Husarenregiments "König Wilhelm I.", wie sie zu Eulenburg getragen hat, sowie das "Semesterbild der Borussia Bonn" von 1865.

Darauf und auf einer Vergrößerung kann man dem arrogant jugendlichen Mörder ins Gesicht schauen. Dem Streitpunkt Arndt-Denkmal ist mit drei Gipsmodellen und Dokumenten ein eigenes Kapitel gewidmet, wie auch die Deutschland-Reisen der Königin Victoria ausführlich dargestellt werden. Ganz im Geiste ihres Mannes votierte sie für ein "starkes, vereintes, liberales Deutschland" als "nützlicher Verbündeter Englands".

Von ihrer deutschfreundlichen Gesinnung rückte sie allerdings ab, blieb der Totschlag des angehenden französischen Hofkochs doch sozusagen ungesühnt. Von den Eulenburg auferlegten neun Monaten Festungshaft blieben dem protegierten Neffen des Innenministers Friedrich zu Eulenburg sechs Monate erspart. Jetzt tritt Bismarck, der auch im Porträt präsent ist, ins Geschehen.

Denn er versuchte, die Affäre mit Gegenberichten zu bagatellisieren, während sich die englische Presse und sogar die New York Times vehement empörten - zu einem Zeitpunkt, da Bismarck auf die Neutralität Frankreichs und Englands angewiesen war und er mit seiner verzwickten Bündnispolitik weit reichende innen- und außenpolitische Ziele verfolgte.

Die Königin beklagte "das infame Verhalten Preußens". Nicht nur die lange Ära der deutsch-englischen Freundschaft, auch der letzte Sommer des deutschen Liberalismus gehörten der Vergangenheit an.

Info

Ernst-Moritz-Arndt-Haus; bis 16. August, Mi bis Sa 13-17, So 11.30 -17 Uhr; Broschüre 4 Euro.