Opern-Premiere von Verdis „Jérusalem“ in Bonn

Erlösung aus dem Fegefeuer

Purgatorium: Der unschuldig verurteilte Gaston (Sébastien Guèze) wird von den Kreuzfahrern gedemütigt.

Purgatorium: Der unschuldig verurteilte Gaston (Sébastien Guèze) wird von den Kreuzfahrern gedemütigt.

02.02.2016 BONN. In der Bonner Oper wird die deutsche Erstaufführung von Giuseppe Verdis „Jérusalem“ zum Ereignis. Dirigent Will Humburg spornt das Beethoven Orchester, den Chor und die Solisten zu Bestleistungen an.

Komponisten-Jubiläen sind immer ein guter Anlass, Ausschau nach Unbekanntem zu halten. Da wundert es fast, dass zum 200. Geburtstag Giuseppe Verdis, den die Musikwelt erst vor drei Jahren ausgiebig feierte, keine Bühne hierzulande auf die naheliegende Idee verfallen war, mit dem Kreuzfahrer-Drama „Jérusalem“ eine veritable Verdi-Oper als deutsche Erstaufführung zu präsentieren und damit auch international zu punkten. Bonn holt das jetzt nach, mit einer Produktion, die nicht weniger als eine musikalische Sternstunde ist, die am Premierenabend vom Publikum heftig gefeiert wurde.

Das liegt vor allem an dem Dirigenten Will Humburg. Er ist das Kraftwerk, das alle Beteiligten mit der Energie versorgt, die es braucht, um Verdis Frühwerk musikalisch zum Glühen zu bringen. Dass „Jérusalem“ auch in anderen Ländern selten auf den Spielplänen zu finden ist, erscheint nach dem Bonner Abend nicht nachvollziehbar, mag aber auch mit seiner besonderen Entstehungsgeschichte zusammenhängen. Denn streng genommen handelt es sich nicht um ein ein Originalwerk. Für „Jérusalem“, den ersten Auftrag, den Verdi aus Paris erhielt, hatte der Komponist seine Oper „I Lombardi“ dem französischen Geschmack angeglichen. Alphonse Royer und Gustave Vaëz fertigten ein neues Libretto in französischer Sprache an. Und Verdi nahm zahlreiche Änderungen vor, die aber so tiefgreifend ausfielen, dass das Ergebnis schließlich weit mehr wurde als eine Zweitverwertung. Der beeindruckende Blechbläserbeginn der Oper beispielsweise existiert in den „Lombardi“ nicht.

Humburg und das Beethoven Orchester ließen die Gelegenheit nicht verstreichen, hier gleich ganz große Klasse zu zeigen – was über die gesamte Strecke des (inklusive Pause) dreistündigen Opernabends anhalten sollte. Man hörte wunderbare Soli und packende, präzise ausgeführte Tuttipassagen, prägnante Streicherepisoden, grandiose Crescendi und fein herausgearbeitete Pianostellen. Oft in perfekter Interaktion mit dem homogen und klangstark agierenden Chor, dessen Einstudierung der neue Chordirektor Marco Medved übernommen hatte.

Die Handlung spielt während des Ersten Kreuzzuges, berichtet mithin von einem historischen Nahostkonflikt, den Regisseur Francisco Negrin allerdings nicht zum Anlass nimmt, aktuelle Parallelen aufzuzeigen. Er bleibt apolitisch, bezieht nicht wirklich Stellung, erzählt vielmehr von Sehnsucht, Liebe und Erlösung. Dass der Weg zum „Himmlischen Jerusalem“, dem Sehnsuchtsort der Gläubigen, durch Vorhölle und Fegefeuer führt, daran wird durch eine animierte Landkartenprojektion auf dem noch geschlossenen Vorhang erinnert. Und wenn er sich hebt, erblickt man einen grauen, tunnelartigen Raum mit rechteckigen Aussparungen (Bühne: Paco Azorin). Wobei die einzelnen Elemente effektvoll auf und ab und seitwärts verschoben werden können. Die Kostüme (Domenico Franchi) zitieren pseudohistorisch stilisierend das Mittealter, im dritten Akt tragen die Kreuzfahrer dann gruselige Fantasy-Kostüme, als kämen sie geradewegs aus dem Purgatorium, wo sie arme Sünder peinigen.

Hier aber muss die Höllenqualen der junge Held Gaston ertragen, der nach einer Intrige seines Nebenbuhlers Roger als Attentäter verbannt wird und in Palästina erst in die Hände des Emirs von Ramla und dann in die noch weniger mildtätigen der Christen fällt. Sébastien Guèze, der in Bonn schon als Offenbachs Hoffmann begeistert hatte, überzeugt mit seinem strahlenden und klangschönen Tenor. Hélène, seine Geliebte, findet in der wunderbaren Sopranistin Anna Princeva eine virtuose und ausdrucksstarke Interpretin mit starker Bühnenpräsenz. Die hat auch Franz Hawlata, der den Roger schon in Wien gesungen hat. Er bringt die diabolische Seite Rogers mit beängstigend machtvollem Bass herüber, und dem späteren Büßer verleiht er einen berührend milden Ton. Auch Csaba Szegedi als Graf, Priit Volmer als päpstlicher Legat, Giorgos Kanaris als Emir stehen für feinsten Verdi-Gesang. Ergänzt wird das Solistenensemble durch Brigitte Jung, Christian Georg, Egbert Herold und Nicholas Probst. Auch sie haben großen Anteil am Erfolg des Abends.

Weitere Termine: 14. und 27. Februar, 10., 18. und 26. März, 2. und 9. April. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen (Bernhard Hartmann)