Beethovenfest

Enorme Leidenschaft

Expressive Partitur: Der Bonner GMD Dirk Kaftan.

Expressive Partitur: Der Bonner GMD Dirk Kaftan.

Bonn. Konzert in der Bonner Kreuzkirche: Generalmusikdirektor Dirk Kaftan bringt mit dem Beethoven Orchester Beethovens „Fidelio“ und Dallapiccolas „Il Prigioniero“ in einen Dialog

Ludwig van Beethovens einzige Oper „Fidelio“ und der Einakter „Il Prigioniero“ (Der Gefangene) des italienischen Komponisten Luigi Dallapiccola (1904-1975) haben eine starke thematische Gemeinsamkeit. In beiden Dramen geht es um einen Inhaftierten, der den Tod zu fürchten hat, der eine Opfer der Willkürherrschaft eines Provinzdespoten, der andere eines der spanischen Inquisition, Insofern ist es für das Beethovenfest ein fast schon naheliegendes Experiment, sich der beiden verwandten Geschichten an einem Abend anzunehmen, wie es Bonns neuer Generalmusikdirektor Dirk Kaftan mit dem Beethoven Orchester in der Kreuzkirche am Kaiserplatz tat.

Natürlich wurde am Samstagabend nicht der komplette Fidelio aufgeführt, aber immerhin die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, die Beethoven für eine zweite Aufführungsreihe der damals noch unter dem Titel „Leonore“ firmierenden Oper im Jahre 1806 komponiert hatte. Anders als die spätere, sehr knappe Fidelio-Ouvertüre, deutet sie die wichtigsten Handlungsmotive und -wendungen bereits an, ist sozusagen eine Taschenversion der eigentlichen Oper. Kaftan dirigierte sie mit enormer Leidenschaft, das Orchester folgte ihm mit gleicher Energie, lediglich im finalen Presto-Teil war die Kirchenakustik mit den rasanten musikalischen Figuren einigermaßen überfordert.

Eigentlich müsste man bei dieser Ouvertüre eine Spoiler-Warnung anbringen, so deutlich verrät dieser Schlussjubel das Happy End der Handlung. Vor Dallapiccolas unter dem Eindruck des Nazi-Terrors geschriebenen „Il Prigioniero“ jedoch führt sie auf eine falsche Fährte. Die dem Beethoven'schen Schlussjubel folgenden schneidenden Akkorde hatten die Wirkung von Axthieben, zumal Kaftan sie ohne abzusetzen attacka folgen ließ. Die Wunden, die der Komponist hier schlägt, stehen für die Situation des namenlosen Gefangenen, dem im Kerker der Inquisition unter Philipp II. übel mitgespielt wird.

Dennoch ist er nicht ohne Hoffnung. Denn ausgerechnet der Kerkermeister spricht ihn mit „fratello“ („Bruder“) an und eröffnet ihm vermeintlich einen Fluchtweg. Der Komponist verrät dem Hörer freilich durch den trügerisch einschmeichelnden Orchestersatz die Verlogenheit des psychologisch bösartig raffiniert agierenden Kerkermeisters, der, wie der Gefangene schließlich erfahren muss, in Wahrheit der Großinquisitor selbst ist. „Nun verstehe ich“, singt der Gefangene, „Die Hoffnung ... als letzte Folter, von allen Folterqualen die grässlichste...“

Der Kirchenraum wird zum Kreuzweg

Ursprünglich sollte Evgeny Nikitin die Rolle des Gefangenen singen, doch nach seiner krankheitsbedingten Absage kam Thomas Gazheli, dem eine packende Darstellung dieser Figur gelang. Sein klangvoller Bariton ist das perfekte Instrument für die Darstellung von Leid und Verzweiflung, aber auch Hoffnung. Selbst zu Beginn, als er beinahe reglos im Altarraum ausharrte, zeigte er eine bemerkenswerte Präsenz und sein Gang durch den Kirchenraum wurde zu einem Kreuzweg. Der Einakter wurde in der Kirche halbszenisch gegeben (Regie: Christian Raschke), mit starken Lichteffekten, für die Thomas Roscher verantwortlich war. Als Kerkermeister verstand sich der Tenor Christian Georg beängstigend überzeugend darauf, stimmlich wie mimisch dem Gefangenen falsche Freundschaft und Hoffnung vorzugaukeln. Als Mutter, die schon früh spürt, dass keine Hoffnung mehr ist, gelang der Sopranistin Yannick-Muriel Noah ein unter die Haut gehendes Rollenporträt. Jae Hoon Jung (Tenor) und Sven Bakin (Bariton) sangen die beiden Priester. Der Bonner Opernchor setzte von der Orgelempore unter Leitung von Marco Medved eindrucksvolle Akzente.

Die expressive Partitur war bei Kaftan, der sich mit dem Stück in Graz als Musikchef der Grazer Oper verabschiedet hatte, in besten Händen. Ihm gelingt es mit dem engagiert aufspielenden Orchester, die extremen Ausdruckswelten erfahrbar zu machen und scheut da auch dynamische Extreme nicht. Ein beeindruckender Abend in der nicht ausverkauften Kirche, der mit großem Applaus belohnt wurde.