Premiere an der Bonner Oper

Elektra und die Dämonen der Vergangenheit

Edel: Bühnenbildner Etienne Pluss hat ein beeindruckend ausgestaltetes Fin-de-Siècle-Herrenhaus geschaffen.

Edel: Bühnenbildner Etienne Pluss hat ein beeindruckend ausgestaltetes Fin-de-Siècle-Herrenhaus geschaffen.

Bonn. Die neue Bonner „Elektra“ mit einer brillanten Leistung des Beethoven Orchesters und einem großartigen Debüt von Aile Asszonyi in der Titelpartie.

Hier also lebt Elektra. Zwischen einem Haufen Müllsäcken, ihr gelbes Kleid ist mit einem Grauschleier überzogen wie auch ihre früher einmal weißen Hände, die nun aussehen, als würde sie mit ihnen unaufhörlich graben in diesem Schmutz, der sie umgibt, sich regelrecht hineinwühlen. Richard Strauss' „Elektra“, seine erste Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Textdichter Hugo von Hofmannsthal, ist eine Oper, die tief in die psychischen Schichten ihrer Figuren eindringt und die extremen Charaktere mit fiebrigen Orchesterklängen hörbar werden lässt. In der umjubelten Bonner Premiere unter der musikalischen Leitung von Dirk Kaftan lässt sich das auf packende, manchmal geradezu erschütternde Weise nachvollziehen. Das mit 115 Musikern riesig besetzte Beethoven Orchester setzt die Musik regelrecht unter Hochdruck. Dabei gelingt es Kaftan und den Musikern, bei aller klanglicher Brillanz den Stimmen genügend Raum zum Atmen und Gestalten zu geben.

Für die szenische Illustrierung der Seelenzustände ist Leipzigs Schauspielchef Enrico Lübbe zuständig. Wenn die traumatisierte Titelheldin das Alte nicht ruhen lassen kann, den Müll der Vergangenheit, den die Anderen noch längst nicht wirklich entsorgt, sondern nur verdrängt haben, ist das schon mal ein starkes Bild. Die Anderen, das sind Elektras Mutter Klytämnestra und deren Geliebter Aegisth. Elektra will nicht vergessen, dass dieses Paar einst ihren Vater Agamemnon erschlagen hat. Aus Rache, weil er die älteste Tochter für einen Sieg gegen Troja geopfert hatte.

Jetzt ist es an Elektra, den Kreislauf der Rache weiter zu drehen. Das tägliche Ritual des Erinnerns an die Bluttat hat sich in ihrem Inneren längst eingefressen. Immer wieder sehen wir, wie in einer Endlosschleife ein junger Mann die repräsentative Treppe zur Beletage des von Bühnenbildner Etienne Pluss beeindruckend minutiös ausgestalteten Fin-de-Siècle-Herrenhauses hinaufsteigt. Auf dem Treppenabsatz folgt ihm eine Elektra-Doppelgängerin, er dreht sich um, und setzt dann seinen Weg fort. Es ist ihre Vision von der Rückkehr ihres Bruders Orest, der die Rache an dem Herrscherpaar vollziehen soll.

Wie unversöhnlich Mutter und Tochter einander gegenüberstehen, zeigt die Inszenierung sehr eindringlich in der großen Szene dieser beiden Frauen, die Lübbe an einem Tisch arrangiert. Als die in goldenem Paillettenkleid gewandete Klytämnestra (Kostüme Bianca Deigner) ihre Tochter um Rat fragt, wie sie ihre Albträume überwinden könne, spielt Elektra maliziös mit dem Tafelmesser und versenkt es schließlich bis zum Heft in das vor ihr liegende Stück Fleisch, um ihr zu bedeuten, dass nur der Tod sie davon erlösen werde. Die einzig menschliche Figur in diesem Tableau der seelischen Grausamkeiten bleibt Elektras Schwester Chrysothemis, die von einem ganz normalen Leben außerhalb dieser Familienhölle träumt.

Orest ist nur das Wrack eines Mannes

Was die Motivation der Figuren angeht, bietet Lübbe originelle Deutungsansätze an. Die Wiederbegegnung zwischen Orest und Elektra ist die zweier Fremder. Orest entspricht so gar nicht dem Bild, das sie sich Tag für Tag herbeiträumt. Orest ist ein Kriegsversehrter, ein Wrack von einem Mann. Nur mit Mühe gelingt es ihm, die Treppe zu den Gemächern hinaufzusteigen. Den blutigen Job der Rache muss für ihn der Pfleger übernehmen, mit einem Seil bewaffnet wie in einem Mafia-Thriller, das er später auf dem Müllberg entsorgt. Wenn Elektra nach der Tat sagt: „Ob ich nicht höre? Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir“, bleibt das hier nur Behauptung, ebenso ihr ekstatischer Tanz. Lübbe lässt ihr nur die Leere – und den Tod.

Musikalisch ist diese „Elektra“ nicht nur orchestral eine Wucht. In der einem dramatischen Sopran alles abverlangenden Titelrolle zeigt Aile Asszonyi eine überragende Leistung, sie bringt für ihr Rollendebüt Ausdruck und Ausdauer mit, ihre dunkel eingefärbte Stimme kann zärtlich klingen und ist zu gewaltigen Ausbrüchen in der Lage. Darüber hinaus zeigt die estnische Sängerin in den Dialogen ebenso große Präsenz wie sie ihre Monologe musikalisch und textlich souverän zu gestalten versteht. Als Klytämnestra überzeugt Nicole Piccolomini mit klangvoller Mezzosopranstimme, ebenfalls ein beeindruckendes Rollendebüt. Manuela Uhl gestaltet die Sopranpartie der Chrysothemis überaus facettenreich aus.

Die männlichen Rollen sind mit Martin Tzonev (Orest) und Johannes Mertes (Aegisth) ebenfalls fabelhaft besetzt. Und wenn die Minipartie des junger Dieners mit einer strahlenden Tenorstimme wie der von David Fischer besetzt ist, muss man sich um das Bonner Ensemble keine Sorgen machen. Als die fünf Mägde hinterließen auch Charlotte Quadt, Susanne Blattert, Anjara I. Bartz, Rose Weissgerber und Louise Kemény einen nachhaltigen Eindruck. In dieses hohe Niveau fügten sich schließlich auch die Solisten aus dem Chor bestens ein.

Weitere Aufführungen: 17., 23. März, 6., 12 .April, 2., 12. Mai, 2., 13. Juni. Karten gibt es bei Bonnticket.