Varieté im Pantheon

"Einmal um die Welt" - Die Magie des Moments

Bonn. Der Kölner Stephan Masur hat das Varieté neu definiert. "Einmal um die Welt" heißt seine neue Show im Bonner Pantheon, die Schlager und Artistik in schwindelerregenden Höhen verbindet. Bis 22. August.

Es ist ein veritabler Drahtseilakt - dieser eine Moment zwischen Anspannung und Vertrauen. Natürlich: Die junge Frau mit dem platinblonden Flechtzopf hat das schließlich schon zig Mal gemacht: die Luftsprünge, die Schritte auf den Spitzen ihrer Ballettschuhe. Aber falls ihr irgendwann doch ein Fehler unterlaufen sollte, und sei es auch nur der allerkleinste ... ein Netz oder einen doppelten Boden gibt es hier nicht.

Doch die Finnin Veera Kaijanen - bis vor kurzem noch in einem mehrjährigen Gastspiel beim Cirque du Soleil engagiert - meistert auch diese Vorstellung mit Bravour. Und mit einem kaum sichtbaren, erleichterten Lächeln. Es ist echt. Alles hier ist echt. Was durchaus ein Grund dafür sein könnte, warum das zweistündige Varietéspektakel, das seit inzwischen elf Jahren Sommer für Sommer im Kölner Senftöpfchen Theater und anschließend seit sechs Jahren auch im Bonner Pantheon gastiert, an beiden Häusern zu einer festen Größe avanciert ist.

Masur, der Erfinder, kreative Kopf und Produzent, der selbst in der Rolle des selbstironischen barocken Gecken Le Comte auf der Bühne steht, um überdimensionale Luftblasen zu kreieren, nennt es schlichtweg "das Wunder Mensch". Eines, das sich vor den Augen der gespannten Zuschauer immer wieder aufs Neue vollzieht.

"Was nützt es, wenn die Show gestern gut war? Es kommt auf diesen Abend an", bringt es Masur auf den Punkt. Noch gut eine Stunde bis zum Beginn der Show auf der Kölner Kleinkunstbühne, direkt in einem Eiscafé nebenan. Auf dem Tisch ein Smartphone, Flyer, Programmhefte und ein Plakat des aktuellen Programms "Einmal um die Welt", versehen mit dem gelben Aufdruck "Ab jetzt mit Kühlung" - eine dankbare Sache angesichts der schwül-heißen Witterung, die man in der Köln-Bonner-Region unter dem Begriff Sommer subsumiert. Das mit der Kühlung liegt Masur am Herzen - da kommt der Produzent in ihm durch.

Diplomarbeit über Zirkusmarketing

Der gebürtige Kölner, Jahrgang 1971, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und schrieb seine Diplomarbeit über Zirkusmarketing. Zufall? Mitnichten: "Ich beschäftige mich mit Zirkus, seit ich 15 bin." Wobei "beschäftigen" wohl einer ziemlichen Untertreibung gleichkommt, wenn man Masur zuhört: über die Magie des Moments und das, was der menschliche Körper so alles kann - das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.

"Man kann viel im Zirkus und aus dem Zirkus lernen: über Fleiß und Mut, wie man Schmerzen erträgt, sich selbst überwindet und erfährt, dass Grenzen manchmal nicht so unüberwindbar sind, wie anfangs gedacht." Begonnen hat er selbst mit Jonglage - anfangs autodidaktisch. Das setzte sich fort über Workshops und Kurse in Tanz und Bewegungstheater in der Alten Post - Schule für Kunst und Theater in Neuss sowie am Tanzhaus NRW in Düsseldorf.

Die ersten Jongliernummern entwickelte er zusammen mit seiner Schwester, der Tänzerin Susanne Masur, die nun auch bei dem aktuellen Programm Regie führt. Parallel zum Studium trat Masur auf - zum Beispiel im Theater Masquerade, der Piste aux Espoirs in Belgien und dem Spring Festival Korea. Nach seinem Abschluss als Diplomkaufmann besuchte er die niederländische Zirkusschule De Hoogte.

Seit 2005 produziert Stepahn Masur das Varietéspektakel

Anschließend tourte er mit dem Traumtheater Salome sowie zahlreichen europäischen Zirkus- und Dinnershows als Jongleur und Artist. Seit 2005 produziert er das Varietéspektakel, für das er Jahr für Jahr neue Artisten engagiert; sich an Zirkusschulen und bei internationalen Produktionen in aller Herren Länder umschaut und bei Gelegenheit seine Kontakte in der Szene spielen lässt. "Diesmal sind wir - mich eingeschlossen - zu siebt auf der Bühne". Da wären neben Veera Kaijanen (Drahtseil, Hula-Hoop) auch die Mimin Nele Jäger und der Kanadier Hugo Duquette - Absolvent der Ecole Nationale de Cirque in Montreal - am Tanztrapez.

Mikail Karahan studiert in Rotterdam "Circus Art", seine Leidenschaft gehört dem "Cry Wheeler", einem Eisenring, mit dem er seine faszinierenden Figuren in die Welt "hinausrollt". Marco Noury zeigt an den Strapaten, was Körperbeherrschung in Reinkultur bedeutet, und der Berliner Santos gehört mit mehreren Shows schon zu Masurs Stammbesetzung gehört; weil er seinen 1,85 m langen Körper in eine 45 Zentimeter kleinen Würfel "faltet" und unter niedrigen, mit Flammen und Messern bestückten Stangen hindurch Limbo tanzt, als sei weiter nichts dabei. Regie führt Urs Jäckle, ins rechte Licht gerückt werden die Artisten von Bühnenmeister Michael "Abrazzo" Blattmann.

Masur führt als Le Comte durch die Programme, die immer unter einem anderen Motto stehen. "Nachts im Museum", "La Cour - bei Hofe", "Le Voyage" oder auch "Die Gaukler", um hier nur ein paar zu nennen. Diesmal hat ihn "Einmal um die Welt" von Mary Roos zum Thema Schlager inspiriert. Diese magischen drei Minuten in denen es um Liebe und Leidenschaft geht. Das weckt Erinnerungen, das Fernweh und die Sehnsucht nach unbeschwerten Zeiten; am Baggersee oder in Bella Italia.

"Don't talk to the Director" trifft auf ihn nicht zu

Der Begriff "Schlager" übrigens - so fügt Masur hinzu - stammt aus einer Kritik im Wiener Fremdenblatt vom 17. Februar 1867. Seitdem hat er sich etabliert, ein ganzes Genre geformt - von den Comedian Harmonists und Otto Reutter und Claire Waldorf, über Zarah Leander, die Fünfziger, Sechziger und Siebziger. Totgesagt wurde er des öfteren, tot war er aber nie.

Und so können auch die jungen Artisten, die ihre Nummern zunächst in Eigenregie vorbereiten, bevor bei den szenischen Proben dann alle für jeweils bis zu 16 Stunden zusammenkommen, ihre eigenen Assoziationen mit einfließen lassen. Von Masur ausdrücklich gewollt und ermuntert. "Es gibt ja Produktionen, wo es heißt 'Don't talk to the Director'. So einer bin ich aber gerade nicht."

Aber einer, dem nach gut zehn Jahren auch Erfahrung und Routine zugutekommen. "Es gibt immer wieder Situationen, wo ich früher einen halben Nervenzusammenbruch gehabt hätte. Das passiert nun nicht mehr so leicht", fügt Masur mit feinem Lächeln hinzu. "Aber Theater ist Engzeit." Masur müsste nicht vom Zirkus kommen, um das zu wissen.

Einmal um die Welt

Weitere Vorstellungen: Mi 12., Fr und Sa, 14. & 15. August; Di und Mi, 18. & 19. August, Sa und So, 21. & 22. August

Familienvorstellung: So 16. August, 17 Uhr

Rabatt für Familien mit Kindern; geeignet ab sieben Jahren. Vier Familienmitglieder zum Preis von drei. Drei Karten im Vorverkauf oder online unter www.pantheon.de und unter Tel. 0228/212521.

Karten: 23,55 (ermäßigt 19,15) Euro. Erhältlich bei den GA-Ticketshops und an der Tageskasse im Pantheon, die eine Stunde vor Vorstellungsbeginn öffnet.