Premiere in den Kammerspielen

Eine Wutreise durch die Zeit

Ein Golf im Theater: Momentaufnahme von den "Wut"-Proben.

Ein Golf im Theater: Momentaufnahme von den "Wut"-Proben.

Bad Godesberg. Der Anschlag in Paris vor drei Jahren auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" brachte Elfriede Jelinek dazu, das Stück "Wut" zu schreiben. Dabei thematisiert sie gesellschaftliche Probleme auf künstlerische und spannende Weise.

Wut. Sie ist allgegenwärtig in der heutigen Zeit. Bereits vor acht Jahren wurde „Wutbürger“ zum deutschen Wort des Jahres gewählt, und noch heute scheinen das Gefühl und der Ausdruck präsenter denn je. So ist es nur konsequent, dass das Stück „Wut“ von Elfriede Jelinek in den Kammerspielen aufgeführt wird.

Anlass für das Stück war der im Januar 2015 verübte Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt im Osten von Paris. Er wurde zum Ausgangspunkt für die wortgewaltige Gegenwartsanalyse und trifft das Publikum mit seiner erschreckenden Aktualität. Regisseur Sascha Hawemann inszeniert das etwa zweistündige Stück auf besondere Weise: „Es ist eine Art Reise mit unterschiedlichen Stationen, die sich alle dem gleichen Thema widmen.“

Der Ansatz ist dabei nicht nur der Terror, sondern sehr viel globaler: Die Wutbürger werden genauso thematisiert wie die Opfer von Terroranschlägen selbst, die wütend sind, Zielscheibe von der Wut anderer geworden zu sein. Ebenfalls die klassische Mittelschicht darf sich angesprochen fühlen: „Viele sind wütend, weil ihr bisher so sicher geglaubtes Leben gefährdet ist“, sagt Hawemann.

Allseits herrschende Unzufriedenheit

Somit wird die allseits herrschende Unzufriedenheit mit zum Schwerpunkt der Handlung. Anders als beim ursprünglichen Text Jelineks wird das Stück in Situationen aufgeschlüsselt und in Dialogen und Monologen verarbeitet. Passagen, die eindeutig der Schriftstellerin zuzuordnen sind, werden auch „von ihr“ geäußert und somit Fragen aufgeworfen, was die Kunst überhaupt kann und schafft. Eine klare Botschaft soll sich herauskristallisieren: Die Welt ist nicht einfach.

Dennoch verliert die Inszenierung nicht den Anspruch, auch mal komödiantisch und unterhaltsam daherzukommen und sich an der Form des Alt-Wiener Volkstheaters zu orientieren. „Theater ist Theater. Wir möchten schwere Sachverhalte leicht verpacken“, so der Regisseur. Und so entwickelt sich ein vielstimmiger Wutchor in stets wechselnden Perspektiven. Die Wutbürger auf den Straßen Europas, in den Foren des Internets oder den Führungsspitzen gewisser Parteien – sie alle werden dargestellt, mit stetig wechselnden Opfer- und Täterrollen.

Vom rechten Rand bis zur goldenen Mitte

„Denn Wut reicht vom rechten Rand bis zur goldenen Mitte. Sie hat irgendwann Einzug in unser Leben gefunden“, sagt Hawemann und betont: „Es wird keine belehrende Politikveranstaltung, sondern ein unterhaltsamer Abend, der dennoch zum Nachdenken animieren kann.“ Jelineks „Wut“ zeigt die Empfindung in zahlreichen Facetten und zeichnet dabei keine Welt in Schwarz oder Weiß, sondern in allen erdenklichen Grautönen.