Ein Maler durchleuchtet das Gedächtnis der Dinge

Martin Streit in der Bonner Galerie Cramer

Bonn. Es dauerte nicht lange, bis die gerade noch erkennbare Bildaufteilung in Vordergrund und Mittelachse dem Maler Martin Streit nicht mehr behagte. Schon der vertraute Anblick der Düsseldorfer Tonhalle hatte der Meisterschüler von Gotthard Graubner in Gestalt einer fließend gleitenden Meerlandschaft auf die Leinwand gebannt.

Jetzt, beim Bonner Debüt des 37-jährigen Koblenzers in der Galerie Barbara Cramer, vermag der Blick wohl noch klassische Genres zu unterscheiden: Stillleben mit Blumen und Früchten, Landschaften, Atelierstudien und Einzelauftritte menschlicher Figuren, wobei letztere doch nur Mutmaßungen über Alter, Statur, Geschlecht oder Kleidung zulassen.

Die konkret präsente Wirklichkeit des Martin Streit verweigert sich ständig dem Zugriff. Hat der Maler sich einmal auf ein Sujet eingelassen, gilt sein Bemühen in erster Linie dem Ziel, diesen "Gegenstand endlos lang in einer Farbwelt zu erproben" (Streit). Der "eruptiv und spontan" verlaufende Malprozess ist ein intensives Ringen um das Austarieren von Farbwerten, das "simultane Kontern" von warmen und kalten Tonlagen.

Hierbei komponiert der Maler, den italienische Freskenmalerei und die Technik alter Meister faszinieren, mit einem umfangreichen Farbenrepertoire: Eitempera, Öl, Marmormehl und pastoses Weiß verschmelzen zu hauchzarten Lasuren. Langsam beginnt sich im leicht grünen oder graublau schimmernden Bildraum die farbige Aura des Bildmotivs auszubreiten.

Wird die raffinierte Lichtregie wirksam, so wandeln sich Figur oder Objekt zur Erscheinung, ein vermeintlicher Schattenriss wird zum Widerschein. Und beim betörenden Anblick von Blumen in der Vase zeichnet sich gemäß dem Bildtitel "Das Gedächtnis der Dinge" ab.

Galerie Barbara Cramer, Poppelsdorfer Allee 58a, bis 15. Dezember. Di bis Fr 15-19 Uhr, Sa 11-14 Uhr.