Eine außergewöhnliche Reise

Ein Godesberger Abendmahl in Moskau

1928 malte Joseph Kolzem sein imposantes „Steyler Abendmahl“. Nun schmückt eine Reproduktion davon die Fenster der neuen Moskauer Kirche Sankt Olga, die zuvor eine Diskothek war. Kolzems Großnichte und ein Steyler Ordensbruder aus Sankt Augustin erzählen, wie es dazu kam.

„Das hätte sich Bruder Lucas nicht träumen lassen, dass mehr als 70 Jahre nach seinem Tod sein Abendmahl eine Kirche in Moskau zieren würde“, sagt Pater Manfred Krause. Der Superior der Steyler Mission in Sankt Augustin zeigt Fotos aus dem Kirchenraum des gerade frisch eröffneten Gotteshauses Sankt Olga in Moskau.

In den drei Fenstern hinter dem Altar ist ein Gemälde des 1945 verstorbenen Ordensbruders gleichsam als Triptychon reproduziert: das sogenannte „Steyler Abendmahl“ von 1928, ein im romantischen Nazarenerstil gemaltes Bild des letzten Mahls Jesu mit seinen Jüngern. Jesus teilt vor seiner Kreuzigung noch einmal Brot und Wein mit dem Auftrag aus: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Neben Pater Krause betrachtet Christa Lencer die Fotos. „Ich freue mich, dass das Werk meines Großonkels damit eine so große Ehrung erfährt“, sagt sie.

Die beiden sitzen in Bad Godesberg zusammen, der Heimat sowohl des hier 1859 geborenen Malers als auch der Großnichte. Christa Lencer bemüht sich seit sechs Jahren mit Pater Krause, dass der auch in Bad Godesberg längst vergessene Joseph Kolzem, der im Orden Bruder Lucas hieß, endlich auch als Künstler geschätzt wird.

In Kolzems zart pastellfarbenem letztem Abendmahl sitzt Jesus wie beim großen Leonardo da Vinci, dem Idol nazarenischer Nacheiferer wie Kolzem, inmitten seiner mehr oder weniger getreuen Jünger. Kolzem hat 100 Jahre nach der Herausbildung des frommen Nazarener-Stils eine Schale Rosen an die Tafel Jesu postiert, als Ehrerweisung für die Heilige Theresia.

Bei ihm scheint im Gegensatz zur bewegten Figurenkomposition des berühmten Leonardo Gelassenheit am Tisch zu herrschen. In den Gesichtern von Kolzems Jüngern erkannten sich 1928 erstaunt die Steyler Mitbrüder wieder – wenn auch leicht verfremdet mit wallenden Bärten und langem Haar. Auch im Zubehör stellte Kolzem Zeitbezüge her. Er war halt kein Leonardo. Aber er hatte einen sauberen Strich. Und die Gabe, die Liebe Jesu zu den Menschen abzubilden.

Steyler Mitbrüder erkennen sich als Apostel am Tisch

Vor zwei Jahren brachte Pater Krause das nach Jahrzehnten stark nachgedunkelte Original, das in der niederländischen Missionszentrale hängt, zu einem bekannten Restaurateur. „Der hat es sogar unentgeltlich gesäubert. Er hat gesagt, er habe selten so ein schönes Bild im Nazarener-Stil in Händen gehalten.“

Auch Kolzems Großnichte nickt stolz. Dass eine Kopie nun auch Moskauer Christen erfreut, verbuchen sie beide als Erfolg. Über Jahrzehnte hatte Bruder Lucas als der unbestritten wichtigste Ordensmaler und als Koryphäe gegolten. Dann, als der Nazarener-Stil des 19. Jahrhunderts als unmodern, ja als kitschig galt, hätten die Steyler Missionare den Nachlass ihres Bruders sogar ins Depot geschafft. „Doch heute ist der Stil wieder gefragt. Entsprechende Ausstellungen haben großen Zulauf“, vermerkt Pater Krause.

Und dann habe sich ein polnischer Mitbruder, der in Moskau gerade eine neue Kirche einrichtete, bei einem Besuch in Steyl in das „Letzte Abendmahl“ verguckt. „Bruder Darius Pielak war so begeistert von dessen Farben und Aussagekraft, dass er beschloss, damit die drei Chorfenster seiner Pfarrkirche im Südosten von Moskau zu gestalten“, erzählt Pater Krause. Die Künstlerin Emilia Davidova passte die Motive des Bildes in die drei Kirchenfenster ein.

Der Kirchenraum sei übrigens Teil eines Hauses, das einst von deutschen Kriegsgefangenen erbaut worden war, fügt der Pater hinzu. „Und bevor die Steyler Missionare es im Jahr 2003 kauften, diente es jahrelang als Diskothek.“ Er und Christa Lencer lachen über die wechselvolle Geschichte. Seit Kurzem erklingt in Sankt Olga also statt harter Rhythmen das Halleluja. Und von der Fensterfront im fernen Moskau schaut gütig der Jesus Christus eines Bad Godesberger Malers herunter.

So weit, so erstaunlich. „Wir sind ein Dream-Team“ beschreibt der Pater die Kooperation mit Christa Lencer. Er ist seit Jahren auf der Spur dieses früheren Ordensbruders vom Rhein. Hatte Bruder Lucas doch das Steyler Missionswerk gemeinsam mit dessen Gründer Pater Arnold Janssen aufgebaut. Pater Manfred Krause hat Originalgemälde und Zeichnungen Kolzems aufgespürt, sich in Archiven eingelesen. Aber es fehlte der Bezug zum früheren Umfeld des Malers.

"Er war ein schöner Mann"

Derweil ging in Bad Godesberg auch Christa Lencer der kreative Verwandte nicht aus dem Kopf, dessen Bilder ihr Haus schmücken: das Selbstbildnis von 1909, die „Maria mit dem Kinde“ (1894), das „Stillleben“ mit der Godesburg im Hintergrund (1929) und der „Blick über Schloss Rheinblick und die Godesburg zum Siebengebirge“ (1926).

Christa Lencer hat Joseph Kolzem, wenn er auf Besuch im Großelternhaus in der Junkerstraße 17 weilte, als freundlichen, väterlichen, aber doch irgendwie unerreichbaren Mann in Erinnerung, wie ein kleines Mädchen eben einen älteren Geistlichen wahrnahm. „Er war ein eindrucksvoller, schöner Mann“, sagt sie jetzt, während sie auf Fotos deutet. „Die arme kleine Christa muss ohne den Vater Kommunion feiern“, das habe ihr der Großonkel während des Krieges bedauernd geschrieben, als ihr Vater Soldat war, erinnert sie sich.

2010 meldete sie sich dann während einer Reise in die Niederlande spontan in der Steyler Zentrale an, um mehr über den Verwandten zu erfahren, der hier mehr als sechs Jahrzehnte gelebt hatte. „Und da stand Pater Krause und wartete schon auf den Austausch mit mir“, sagt Christa Lencer. „Eine Fügung“, meint der Pater. Ab da habe er ihr „Hausaufgaben“ gestellt, und die habe sie alle erfüllt, erläutert Christa Lencer nun lächelnd.

Der Pater schrieb an einem Erinnerungsbuch über seinen Ordensbruder. 2012 berichtete er darüber in den Bad Godesberger Heimatblättern. Christa Lencer recherchierte für ihn vor Ort und fand heraus, dass ihr Großonkel, der Junge aus der Schlosserfamilie an der Junkerstraße, in der Michaelskapelle getauft wurde, dass er in die Burgschule ging und 1874 den Sprung an die Düsseldorfer Kunstakademie schaffte. Schon früh war sein künstlerisches Talent entdeckt worden. Doch wie konnte damals eine bescheidene Handwerkerfamilie Studiengebühren berappen?

Von der Düsseldorfer Kunstakademie ins Kloster

Lencer fand heraus, dass Constantin Hölscher, der Gründer des „Hotels zum Adler“ und erste Vorsitzende des 1869 gegründeten Verschönerungsvereins Godesberg, einsprang und dem begabten Jungen das Studium bis 1882 finanzierte. „Es fehlt mir aber noch das Mosaiksteinchen, warum Hölscher so großzügig war“, erzählt die Detektivin. Weil Hölscher Freimauer war? Oder weil Joseph Kolzem mit einem Sohn des Constantin Hölscher befreundet war, der ebenfalls zur Kunstakademie ging, aber früh starb?

Auch die Recherche zum Godesberger Altpfarrer Driesen hat Lencer noch nicht abgeschlossen. Den habe ihr Großonkel, wenn er zu Besuch war, im Haus an der Quellenstraße 11 aufgesucht. „Driesen war sein geistlicher Vater und hat meinen Großonkel als Erben eingesetzt“, berichtet Lencer. Sie hat das Testament eingesehen. Aber bislang hat sie keine Spur von einem Gemälde, das der Großonkel nachweislich Driesen überreichte: dem eindrucksvollen „Schweißtuch der Veronika“ von 1912. Ob ältere Godesberger etwas über dessen Verbleib wissen?

Warum eigentlich ging ein Absolvent der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie, dessen frühe Bilder durchaus weltliche Motive zeigten, als 24-Jähriger ins Kloster? Christa Lencer glaubt, dass Joseph Kolzem, der fromm war, auf Besuch im aufstrebenden Steyler Missionshaus eine Chance sah, ein Leben im Glauben mit dem künstlerischen Engagement zu verbinden.

Joseph Kolzem habe sich 1883 erstmals zu Exerzitien, also spirituellen Einkehrtagen, ins junge Missionshaus im niederländischen Dorf Steyl bei Venlo aufgemacht, weiß Pater Krause. Sicher habe sich der noch auftragslose Maler dieses Haus, das für seine Förderung der Künste bekannt war und eine erstklassige Missionsdruckerei besaß, genau angeschaut.

Hier konnte er ein Dreivierteljahrhundert lang beides verwirklichen, was ihm wichtig war: malen und seinen Glauben leben. Zum Goldenen Professjubiläum 1936 soll Bruder Lucas übrigens noch einen weiteren Grund für seine Entscheidung angegeben haben, fügt Pater Krause schmunzelnd hinzu: In Steyl hätten ihm „die Butterbrote so zugesagt“.

Zur Geschichte des Missionshauses Sankt Michael, Steyl. Band 5: Bruder Lucas Kolzem – Der Maler von Steyl. Kontakt zu Pater Krause: missiehuis@steyl.eu – Kontakt zu Christa Lencer: c.lencer@t-online.de